Christian Gläßel & Adam Scharpf: Making a Career in Dictatorship. The Secret Logic behind Repression and Coups
Karrierepläne von Sicherheitsleuten erklären sowohl enthemmte Gewaltanwendung in autoritären Regimen als auch deren Sturz. Dies zeigen die Analysen im Buch von Christian Gläßel und Adam Scharpf, dessen Lektüre unser Rezensent David Kuehn „eindringlich und uneingeschränkt“ empfiehlt.
Eine Rezension von David Kuehn
Geschichte und Gegenwart sind voller Fälle, in denen Angehörige staatlicher Sicherheitsorgane zu Tätern werden. Sie foltern, verschleppen und ermorden tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner, schlagen Proteste nieder und organisieren die systematische Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen. Zugleich sind es häufig dieselben Akteure, die sich gegen jene Herrscher wenden, denen sie zuvor Loyalität geschworen haben, und sie mit Waffengewalt stürzen. Wer sind die Menschen, die staatliche Gewalt organisieren und ausüben? Was bringt sie dazu, sich an schwersten Verbrechen zu beteiligen oder sich gegen das bestehende Regime zu erheben?
In Making a Career in Dictatorship geben die Politikwissenschaftler Christian Gläßel und Adam Scharpf darauf eine ebenso überzeugende wie folgenreiche Antwort: Es bedarf weder psychologischer Auffälligkeiten noch ideologischen Fanatismus, damit Menschen willentlich und wissentlich schwerste Verbrechen begehen. Vielmehr ist es der berufliche Aufstiegsdruck innerhalb autoritärer Sicherheitsapparate, der erklären kann, warum Offiziere sich an staatlicher Repression beteiligen oder gegen das Regime putschen. Wer in seiner Karriere ins Hintertreffen gerät, versucht sich neu zu empfehlen: durch demonstrative Loyalität gegenüber den bestehenden Machthabern oder durch die Unterstützung eines möglichen Nachfolgeregimes. Gerade die Verbindung zwischen der Banalität des Motivs und der Brutalität seiner Folgen macht die Stärke dieses Arguments aus. Hannah Arendts Idee von der „Banalität des Bösen“ erhält in Making a Career in Dictatorship damit eine zeitgemäße, theoretisch präzise und empirisch systematisch überprüfte Neuformulierung.
Karrieredruck als Motivator für Repression und Auflehnung
Anders als ein Großteil der Forschung zu Repression und gewaltsamem Regimewandel in Autokratien, die vor allem auf makropolitische Faktoren wie Regimetyp, wirtschaftliche Krisen oder gesellschaftliche Mobilisierung blickt, nehmen Gläßel und Scharpf eine mikrosoziologische Perspektive ein. Im Zentrum stehen die individuellen Karriereinteressen und Handlungsoptionen von Offizieren unterschiedlicher Rang- und Verantwortungsstufen, die Repression und Regimesicherheit organisieren, befehlen und ausführen.
Karrieredruck entsteht demnach aus der Pyramidenform moderner hierarchischer Organisationen. Einer großen Zahl von Bewerbern stehen auf jeder höheren Stufe immer weniger Positionen gegenüber. Daraus ergeben sich Konkurrenz und ein beständiger Druck, sich von den Mitbewerbern abzuheben. Besonders betroffen sind jene Offiziere, die in Ausbildung, Prüfungen oder bisherigen Verwendungen schlecht abgeschnitten haben. Für diese beruflich benachteiligten Angehörigen der Sicherheitsorgane sind die Aussichten auf eine reguläre Laufbahn gering. Sie können ihre Karriere beenden, verlieren damit jedoch Einfluss, Einkommen und Zugang zu staatlichen Ressourcen – ein besonders hoher Preis in Autokratien, in denen außerhalb des Sicherheitsapparats oft nur wenige attraktive Karrierealternativen bestehen.
Besonders innovativ ist die Erkenntnis, dass dieser Mechanismus nicht nur für nepotistische oder korrupte Organisationen gilt, in denen der Aufstieg von Ethnizität, Parteizugehörigkeit oder persönlichen Beziehungen abhängt. Gerade meritokratische und professionalisierte Bürokratien produzieren durch transparente Leistungsbewertungen klar erkennbare Gewinner und Verlierer. Wer früh eine ungünstige Ausgangsposition einnimmt, kann kaum darauf hoffen, auf dem regulären Karriereweg noch aufzusteigen.
Gläßel und Scharpf zufolge bleiben diesen Offizieren zwei Möglichkeiten, ihre bedrohte Laufbahn zu retten. Die erste bezeichnen sie als „detouring“. Dabei wählen Offiziere einen Umweg über wenig attraktive, aber für den Machterhalt besonders wichtige Verwendungen, vor allem in geheimdienstlichen oder geheimpolizeilichen Repressionsapparaten. Dort machen sie sich durch Überwachung, Folter, Verschleppung oder politischen Mord für das Regime unentbehrlich. Diese Tätigkeiten sind wenig prestigeträchtig und häufig psychisch extrem belastend. Zugleich eröffnen sie beruflich benachteiligten Offizieren die Möglichkeit, durch besonders loyale Pflichterfüllung aufzufallen und sich für spätere Führungspositionen auch außerhalb des unmittelbaren Repressionsapparats zu empfehlen.
Der zweite Weg ist die Auflehnung gegen das bestehende Regime. Diesen Mechanismus nennen die Autoren „forcing“: Offiziere versuchen, blockierte Karrierewege gewaltsam zu öffnen, indem sie einen Putsch organisieren oder unterstützen. Ein Regimewechsel verspricht eine Neuordnung der politischen und militärischen Hierarchie und damit neue Aufstiegschancen. Die Strategie ist jedoch mit enormen Risiken verbunden. Es gibt keine Gewissheit, dass der Umsturz gelingt; sein Scheitern wird in der Regel mit Gefängnis, Exil oder dem Tod bestraft.
Mit diesen sparsamen und zugleich hochgradig plausiblen Mechanismen führen Gläßel und Scharpf Repression und Putschverhalten auf dieselbe organisationssoziologische Ursache zurück. Darin liegt die theoretische Originalität des Buches: Zwei in der bestehenden Literatur meist getrennt untersuchte Phänomene werden durch ein gemeinsames Argument erklärt.
Karrierepfade, Repression und Aufstand in Argentinien und darüber hinaus
Im empirischen Hauptteil prüfen die Autoren das theoretische Argument mit bemerkenswerter Stringenz. Grundlage ist ein beeindruckender Datensatz zu den Karrierewegen von mehr als 15.000 Offizieren der argentinischen Landstreitkräfte zwischen 1870 und 2022. Er beruht auf der Auswertung von Personalakten, die Gläßel und Scharpf während mehrerer Forschungsaufenthalte in argentinischen Archiven zusammengetragen haben.
Argentinien eignet sich dabei in mehrfacher Hinsicht besonders gut für die Untersuchung. Das Land erlebte im 20. Jahrhundert sowohl zahlreiche Putschversuche als auch massive staatliche Repression. Damit lassen sich beide zentralen Erwartungen des Buches innerhalb desselben institutionellen Kontexts überprüfen. Zugleich ermöglichen die umfangreichen militärischen Personalakten und die nach dem Übergang zur Demokratie erschlossenen Dokumente einen ungewöhnlich detaillierten Einblick in Ausbildung, Verwendung und Beförderung einzelner Offiziere.
Zur Prüfung des ersten Arguments untersuchen Gläßel und Scharpf die Karrierewege jener Militärs, die während des staatlichen Terror- und Repressionsfeldzugs der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 im Repressionsapparat eingesetzt waren. Im Zentrum steht das 601. Aufklärungsbataillon des Militärgeheimdienstes, eine Schlüsselinstitution der Überwachung, Folter, Ermordung und des „Verschwindenlassens“ vermeintlicher Regimegegner. Die deskriptiven und inferenzstatistischen Analysen zeigen ein klares Muster: Absolventen der Militärakademie mit unterdurchschnittlichen Abschlussleistungen wechselten mit höherer Wahrscheinlichkeit in diese wenig attraktiven, aber für den Regimeerhalt zentralen Verwendungen. Gerade jene Offiziere, deren reguläre Aufstiegschancen begrenzt waren, suchten demnach den Umweg über den Repressionsapparat.
Das zweite Argument überprüfen die Autoren anhand der Karriereprofile jener Offiziere, die sich an zwei Putschversuchen gegen Präsident Juan Perón im Jahr 1955 beteiligten. Der Vergleich verdeutlicht zunächst das hohe Risiko eines solchen Unterfangens. Während der Umsturzversuch im Juni scheiterte, gelang es den Putschisten im September, Perón aus dem Amt zu entfernen und eine bis 1958 dauernde Militärherrschaft zu errichten. Vor allem aber zeigt die Analyse, dass blockierte Karrierechancen die Beteiligung an beiden Versuchen erheblich begünstigten. Besonders eng war der Karriereflaschenhals beim Übergang vom Oberst in die Generalsränge. Für Offiziere mit schwachen Abschlussleistungen bestanden hier kaum noch Aussichten auf eine reguläre Beförderung. Entsprechend stark waren sie unter den Putschisten vertreten. Dass der Umsturz tatsächlich neue Karrierewege eröffnete, zeigt sich an seinen Folgen: Auf den erfolgreichen Staatsstreich folgte eine Entlassungswelle im Militärapparat; zahlreiche frei gewordene Positionen wurden mit Unterstützern des Putsches besetzt.
Ergänzt werden diese statistischen Analysen durch historische Fallstudien zu NS-Deutschland, der stalinistischen Sowjetunion und Gambia. Auf Grundlage geschichts- und politikwissenschaftlicher Forschung zeigen die Autoren, dass Karrieredruck nicht nur aus schwachen Leistungen entstehen kann. Auch die Zugehörigkeit zur „falschen“ sozialen Gruppe, Fehlverhalten im Amt oder institutionelle Verkleinerungen können Laufbahnen blockieren. Unter solchen Bedingungen schließen sich Offiziere freiwillig repressiven Einheiten an oder unterstützen einen gewaltsamen Machtwechsel, um sich neue Aufstiegschancen zu eröffnen.
Die empirischen Analysen überzeugen nicht nur durch die Reichweite der Daten und die Stringenz des Multimethodenansatzes, sondern auch durch ihre Darstellung. Die statistischen Auswertungen verlieren sich weder in Tabellen noch in methodischen Details. Gut verständliche Grafiken machen die zentralen Muster sichtbar, und die Autoren erläutern systematisch, was die gefundenen Zusammenhänge bedeuten. Die qualitativen Fallstudien überzeugen durch eine klare, systematische Beschreibung genereller Befunde entlang eines kohärenten Analyserasters, die durch anschauliche Einzelbeispiele illustriert werden. Die Sprache ist durchweg präzise, engagiert und durchweg lesefreundlich. Damit richtet sich Making a Career in Dictatorship zwar vor allem an ein akademisches Fachpublikum, ist aber auch für einen breiteren politisch und historisch interessierten Leserkreis gut zugänglich.
Was bedeutet das für Demokratien?
Making a Career in Dictatorship ist ein in jeder Hinsicht überzeugendes Werk. Es leistet einen wichtigen Beitrag zur vergleichenden Autokratie-, Militär- und Regimeforschung und eröffnet zugleich eine Vielzahl von Anschlussfragen: Welche individuellen, institutionellen und systemischen Faktoren entscheiden darüber, ob beruflich benachteiligte Offiziere den Umweg über den Repressionsapparat wählen, sich einem Putsch anschließen oder ihre Organisation schlicht verlassen? Wie unterscheiden sich Karrierezwänge zwischen verschiedenen Organisationsstrukturen, Organisationskulturen und Beförderungsregimen? Und welche Folgen ergeben sich daraus für die Repressivität und Überlebensfähigkeit autoritärer Herrschaft?
Gerade darin liegt eine weitere Stärke des Buches: Sein Argument erklärt nicht nur historische Muster, sondern schärft auch den Blick für gegenwärtige politische Gefährdungen. Die Bedeutung des Bandes reicht deshalb weit über die historisch informierte Analyse von Diktaturen hinaus. In einer Zeit, in der liberale Demokratien weltweit unter Druck geraten, stellt sich mit neuer Dringlichkeit die Frage, wie staatliche Institutionen, Verwaltungen und Sicherheitsorgane gegen ihre autoritäre Vereinnahmung geschützt werden können.
Die zentrale Lehre des Buches lautet hier: Neben Verfassungen, unabhängigen Gerichten, freien Wahlen, einer pluralistischen Presse und einer aktiven Zivilgesellschaft sind auch staatliche Verwaltungen – und insbesondere Militär, Polizei und Geheimdienste – zentrale Schauplätze demokratischer Resilienz. Entscheidend ist, nach welchen Regeln ihre Angehörigen ausgewählt, befördert, versetzt und sanktioniert werden. Demokratische Sicherheitsapparate benötigen transparente, verlässliche und vor politischer Willkür geschützte Karrierewege. Meritokratie und Planbarkeit allein genügen allerdings nicht. Auch leistungsorientierte Systeme produzieren Verlierer, deren blockierte Laufbahnen sie für extreme Loyalitätsbekundungen oder die Auflehnung gegen die bestehende Ordnung empfänglich machen können. Umso wichtiger sind attraktive berufliche Alternativen außerhalb der Sicherheitsapparate, unabhängige Kontrollinstanzen, die konsequente Ahndung von Vergehen im Amt, ein wirksamer Whistleblower-Schutz und eine Organisationskultur, in der Widerspruch nicht das Ende einer Karriere bedeutet.
Das Buch macht deutlich, dass den Autokraten und Möchtegerndiktatoren dieser Welt diese administrativen Grundlagen für Unterdrückung und Unfreiheit äußerst bewusst sind. Allen anderen, die sich um den Erhalt und die Sicherung der Demokratie sorgen, sei die Lektüre von Making a Career in Dictatorship eindringlich und uneingeschränkt empfohlen.
