Die Rezension als Projektion: Eine Replik auf Floris Biskamps Besprechung meines Buchs
Floris Biskamp hat Philip Manows neues Buch „Spaltungslinien: Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“ auf unserem Portal scharf kritisiert. In diesem Text antwortet Manow auf Biskamps Besprechung.
Eine Replik von Philip Manow
Floris Biskamps Besprechung meines Buchs als ‚heftigen Verriss’ zu bezeichnen, wäre wohl eine Untertreibung. Dort, wo sie seltsam ins Persönliche zielt („Manow ist seit einigen Jahren auf der Suche nach einer politikwissenschaftlichen Weltformel"), qualifiziert sie sich nicht für eine Reaktion. Aber die Rezension transportiert zugleich etwas Skandalisierendes, weil sie dem Buch, und damit dessen Autor, nichts weniger als – explizit – den Vorwurf einer unredlichen Zitierpraxis und – implizit – des intellektuell Unlauteren macht. Das erfordert einige Klarstellungen.
Die Vehemenz der Ablehnung, auf die mein Argument trifft, überrascht nicht völlig, wird sie doch von ihm selbst vorhergesagt (siehe S. 48). Wer es aber unbedingt verbannen will, weil mit ihm die Erklärungsschemata und das Kategoriensystem herausgefordert werden, in denen man sich eingerichtet hat, wird sich bessere oder überhaupt Gründe ausdenken müssen, scheitert doch Biskamp schon daran, das Argument auch nur zu verstehen.
Biskamp schreibt, ich würde in meinem Buch die These vertreten, dass unsere gegenwärtigen „politische[n] Konflikte … in zunehmendem Maße durch eine neue, von Globalisierung und Europäisierung hervorgebrachte Spaltungslinie definiert" werden. Das ist falsch – und zwar auf maximal mögliche Weise falsch. Exakt diese These vertrete ich nicht, und ich begründe ausführlich, warum ich sie nicht vertrete (siehe etwa S. 29, S. 31-32, S. 44 und das gesamte Kapitel 4.2). Mir ist unerklärlich, wie jemand, der das Buch gelesen hat, zu einer so eklatanten Fehldarstellung seines Arguments fähig ist. Die auf dieser Falschdarstellung beruhende Polemik Biskamps, dass ich genau das machte, was die Literatur seit circa zwanzig Jahren tut (nämlich unter einer Vielzahl unterschiedlicher Bezeichnungen eine transnationale Spaltungslinie zu identifizieren), das aber verzweifelt zu kaschieren suche und daher gezwungen wäre, völlig künstliche Widersprüche zur existierenden Literatur zu konstruieren, nicht zuletzt durch eine „unredliche Zitierpraxis“, fällt deswegen in sich zusammen. Spätestens nach dem dritten Satz seiner Rezension ist mein Argument gar nicht mehr deren Gegenstand.
Wie man an einem Buch vorbeiliest
Mein Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Cleavage-, sprich der Spaltungslinien-Theorie in ihrer aktuell vorherrschenden Anwendung auf die politischen Konflikte unserer Zeit. Die Kapitel 2 bis 4.1 meines Buches bieten eine umfassende Begründung, warum ich denke, dass diese Literatur
- zunehmend Probleme hat, die Empirie zu erklären (insbesondere Kapitel 3);
- konzeptionell problematisch ist – nämlich, weil schon das zur Anwendung gebrachte Analyseschema eine dominant kulturalistische Deutung unserer Konflikte erzwingt, schließlich geht es ja in der gesamten Literatur um eine neue Spaltungslinie in der ‚zweiten Dimension‘ der Politik (siehe Kapitel 3 und 4.1);
- und theoretisch widersprüchlich ist – unter anderem, weil die Cleavage-Theorie, wie sie ursprünglich von Lipset und Rokkan[1] formuliert wurde, uns eigentlich nicht dazu führen kann, Spaltungslinien zu identifizieren. Stattdessen lässt sie uns erkennen, dass wir uns momentan inmitten eines Prozesses befinden, der die Voraussetzungen zur Ausbildung von Spaltungslinien in Frage stellt (und damit auch hergebrachte Cleavages tendenziell destabilisiert und auflöst). Das ist das, was ich unter dem Stichwort der ‚de-national revolution‘ in dem Buch diskutiere (siehe Kapitel 4.2).
Es wäre nun in der Tat ein komplett absurdes Unterfangen, einerseits eine sehr grundsätzliche und sehr ausführliche Kritik des vorherrschenden Paradigmas zu formulieren, nur um dann mit einem Vorschlag genau innerhalb seines Rahmens – nämlich mit der These von einer ‚neuen‘ transnationalen Spaltungslinie – aufzuwarten und damit das so grundsätzlich Kritisierte theoretisch-konzeptionell zu reproduzieren (und inhaltlich die Hauptdiagnose der Literatur schlicht zu wiederholen).
Deswegen macht das Buch genau das eben auch nicht. Vielmehr entwickelt es vor dem Hintergrund seiner Kritik an der Literatur in Kapitel 4.2 eine zu ihr alternative Erklärung. Eine Erklärung, die von der Überlagerung zweier politischer Räume, eines nationalen und eines supranationalen ausgeht. Eine Erklärung, die deswegen selbst nie das Wort Spaltungslinien nutzt, sondern in expliziter Absetzung von dieser Sprech- und Denkweise (siehe etwa S. 29, S. 117) von einer neuen ‚Hauptachse des politischen Konflikts‘ spricht, die in einem in beiden Dimensionen zunehmend transformierten politischen Raum verläuft und Ausdruck neuer Positionierungen von Parteien und Wählern ist. Eine Erklärung, die eine zur Spaltungslinienliteratur alternative historische Herleitung unserer Konflikte vorschlägt – nicht, wie dort, vornehmlich als ‚Wertewandel im Rückwärtsgang‘ oder ‚backlash‘ in Bezug auf die erste Transformation der zweiten Dimension der Politik im Zuge des Wertewandels der frühen 1970er (kulturalistische Erklärung). Sondern als postliberale Revolte gegen vier Jahrzehnte der ‚great global transformation‘[2], die als ökonomische, politische und kulturelle Entsouveränisierung des Nationalstaats vielfältige Konflikte ausgelöst hat und weiterhin auslöst, darunter eben auch veritable Verteilungskonflikte. Eine Erklärung, die deswegen auch die Empirie grundlegend anders deutet – eben nicht als Aufkommen einer neuen Spaltungslinie, sondern als Ausdruck der zeitgleichen Auflösungstendenz aller vier traditionellen Spaltungslinien auf nationaler Ebene (Stadt/Land, Staat/Kirche, Zentrum/ Peripherie, Kapital/ Arbeit) bei zugleich zunehmender Ausrichtung der zwei politischen Dimensionen des politischen Raums an der neuen Frage ‚offen versus geschlossen‘ (‚doppelte Transformation‘), verbunden mit der These von der Neusortierung der politischen Lager in Hinblick auf das, was wir bislang als links oder rechts zu kategorisieren gewohnt waren. Usw. usf.
Wer ein solches Argument unüberzeugend finden will, müsste Gründe vorbringen, und das wäre vielleicht das gewesen, was man von einer Rezension hätte erwarten können. Biskamp hat sich stattdessen entschlossen, das Argument nicht zu verstehen und auf dieser Grundlage heftige Anschuldigungen zu formulieren.
Die Detailkritik schließlich, die Biskamp an der von mir präsentierten Empirie formuliert, kann hier nicht Punkt für Punkt abgearbeitet werden. Hier vielleicht nur so viel: Dort, wo Biskamp meint, mein Argument widerlegen zu können, indem er ‚Umverteilung‘ (die will er bei den Rechtspopulisten nirgends erkennen können) gegen ‚Schutzversprechen gegenüber Globalisierung‘ ausspielt (was er konzediert), überträgt sich sein Unvermögen, mein Argument zu verstehen, direkt in sein Unvermögen, die Empirie zu verstehen. Es ist ja exakt mein Argument, dass wir uns zunehmend aus der Dimension ‚mehr Markt oder mehr Staat‘ hinausbewegen in die Dimension ‚Offenheit versus Geschlossenheit‘ (vgl. etwa S. 91, S. 108 und passim). Unsere begrifflichen Schemata und Messkonzepte (vgl. etwa S. 69) können davon nicht unbeeinflusst bleiben. Biskamps weiteres Bemühen, empirische Nachweise wegzuwedeln, weil sie ihm nicht passen, unter anderem mit Verweis auf einen angeblichen Konsens der Forschung – der dann wohl von so gegensätzlichen Polen wie der Diagnose ‚autoritärer Neoliberalismus‘ bis hin zu ‚die Rechtspopulisten vertreten die ökonomischen Interessen ihrer Wähler‘ zu reichen scheint (vgl. S. 70) – oder weil empirische Ergebnisse, die auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Datensätze beruhen, noch nicht als Journalartikel publiziert sind,[3] brauche ich hier nicht weiter zu kommentieren. Ein Replikationscode wurde zumindest bei mir nie angefragt.
Wer tut hier seinen Quellen Gewalt an?
Da Biskamp mir aber den mit einem Beispiel konkretisierten (dann aber sofort pauschal insinuierten) Vorwurf einer angeblich unredlichen Zitierpraxis macht, will ich zum Schluss darauf kurz eingehen.
In Frage steht der folgende Satz meines Buches: ‚Genauso ziehen schließlich auch de Wilde et al. zwar prinzipiell eine ökonomische Erklärung für die Entstehung der neuen Spaltungslinie zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen in Betracht (de Wilde u.a. 2019, S. 18), kommen dann aber doch zu dem Schluss, die neuen Konflikte verliefen keineswegs entlang einer „verteilungspolitischen Links-Rechts-Achse“, sondern „in wichtiger Hinsicht … senkrecht dazu“ (S. 3). Biskamp möchte gern das Wort ‚keineswegs‘ skandalisieren, das in der Quelle so nicht vorkommt. Aber selbst wenn dieses Wort eine überschießende Zuspitzung darstellen sollte (immerhin sagt das Zitat, dass de Wilde et al. unsere Konflikte – wenn sie sie ‚in wichtiger Hinsicht‘ durch Themen geprägt sehen, die quer zu verteilungspolitischen Fragen stehen – sie in weniger wichtiger Hinsicht dort auch verteilungspolitische Fragen hineinspielen sehen), hängt mein Argument nicht an ihm, sondern an dem ‚senkrecht‘.
Überhaupt trägt das de Wilde-Buch bei mir gar keine besondere argumentative Last, sondern rundet nur ein Gesamtbild ab (aber man könnte an ihm, wenn man denn wollte, alle meine Kritikpunkte an der Literatur exakt genauso durchdeklinieren). Das ‚senkrecht‘ (das die Autoren an anderer Stelle auch ohne Einschränkungen für die Literatur konstatieren[4]) ist jedoch für meinen Argumentationsgang insofern interessant, als man daran meines Erachtens gut ablesen kann, wie ein abstraktes analytisches Erklärungsschema, nämlich das eines durch eine ökonomische und eine ‚zweite‘, kulturelle Konfliktdimension aufgespannten politischen Raumes, in die substanzielle Deutung konkreter politischer Konfliktlagen einfließt. Insofern ist mein Argument von der Frage: zugespitzt dargestellt oder nicht?, überhaupt nicht berührt. Dem Argument wäre durch ein Streichen des von Biskamp skandalisierten Wortes rein gar nichts genommen. Die Unterstellung, ich müsste mir meine Literatur erst zurichten, um sie dann kritisieren zu können, zeigt sich bei Biskamp als reinste Projektion.
Anmerkungen:
[1] Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein (1967): Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments: An Introduction, in: Seymour Martin / Rokkan, Stein (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives, New York/ London: The Free Press/ Collier-Macmillan, 1 – 64.
[2] Milanovic, Branko (2025): The Great Global Transformation. National Market Liberalism in a Multipolar World, London: Allen Lane.
[3] Nicht auf work in progress zu verweisen wäre eine ‚unredliche Zitierpraxis‘ gewesen, weil es sich eben um gemeinsame Forschung handelt.
[4] Vgl. Koopmans, Ruud, Zürn, Michael (2019): Cosmopolitanism and Communitarianism. How Globalization is Reshaping Politics in the Twenty-First Century. In: de Wilde, Pieter, Koopmans, Ruud, Merkel, Wolfgang, Strijbis, Oliver, und Zürn, Michael (Hg.): The Struggle Over Borders: Cosmopolitanism and Communitarianism. Cambridge, MA: Cambridge University Press, S. 1-34, S. 9.
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