Mehr als Klimaanpassung: Warum liberale Demokratien beim Klimaschutz strukturell zurückbleiben
Wieso scheitern selbst klimapolitisch ambitionierte Regierungen in liberalen Demokratien daran, ausreichend Klimaschutz umzusetzen? Dahinter steht ein unauflösbares Trilemma: Breites Wirtschaftswachstum, demokratische Legitimität und wirksame Klimapolitik lassen sich nicht gleichzeitig verwirklichen. Wie kann demokratische Klimapolitik trotzdem gelingen?
Eine Analyse von Hanna Schwander
Die jüngste Hitzewelle in Europa hat die Debatte über Klimaanpassung erneut in den Mittelpunkt gerückt. Wie lassen sich Städte besser gegen extreme Hitze schützen? Welche Investitionen sind erforderlich, um Gesundheitssysteme, Infrastruktur und Arbeitswelten widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen? Diese Fragen sind dringlicher denn je. Zugleich lenken sie den Blick auf ein grundlegenderes Problem: Warum ist es liberalen Demokratien bislang nicht gelungen, den Klimawandel mit der Entschlossenheit einzudämmen, die aus wissenschaftlicher Sicht erforderlich wäre?
In der öffentlichen Debatte werden hierfür meist kurzfristige Erklärungen angeführt: mangelnder politischer Mut, die Logik kurzer Wahlzyklen oder unzureichende internationale Kooperation. Diese Faktoren sind zweifellos relevant. Sie erklären jedoch nur unzureichend, weshalb in liberalen Demokratien selbst Regierungen mit hohen klimapolitischen Ambitionen regelmäßig hinter den Emissionsreduktionen zurückbleiben, die zur Einhaltung der internationalen Klimaziele notwendig wären. Eine politikwissenschaftliche Erklärung muss tiefgehender ansetzen — bei den strukturellen Bedingungen, unter denen demokratische Regierungen heute überhaupt handeln können.
Ein strukturelles Trilemma statt individuellen Versagens
Das zentrale Argument unseres Buchs Growth, Democracy, or Climate Action? The New Trilemma of Advanced Capitalism[1] lautet daher: Das eigentliche Hindernis liegt weniger im Versagen einzelner Regierungen als vielmehr in den strukturellen Spannungen liberaler Demokratien. Diese sehen sich zunehmend mit einem Trilemma konfrontiert: dem gleichzeitigen Anspruch, inklusives Wirtschaftswachstum zu sichern, demokratische Legitimität aufrechtzuerhalten und eine wirksame Klimapolitik umzusetzen. In der Konstellation eines Trilemmas sind von drei erstrebenswerten Zielen strukturell nur zwei vollständig erreichbar. Die Darstellung des neuen Trilemmas zwischen Wachstum, Demokratie und Klimaschutz in Abbildung 1 verdeutlicht: Liberale Demokratien können zwar zwei der drei Ziele gleichzeitig verfolgen; deren vollständige gleichzeitige Verwirklichung ist jedoch strukturell ausgeschlossen.

Abbildung 1: Das neue Trilemma liberaler Demokratien
Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und demokratischer Legitimation gehört zu den Kernerkenntnissen der vergleichenden politischen Ökonomie. Über Jahrzehnte bildete Wirtschaftswachstum die materielle Grundlage demokratischer Legitimation, indem es breiten Bevölkerungsschichten Wohlstand und Aufstiegschancen eröffnete, Beschäftigung sicherte, die Finanzierung des Sozialstaats ermöglichte und politische Verteilungskonflikte entschärfte. Eine grundlegende Dekarbonisierung der Wirtschaft erfordert demgegenüber tiefgreifende wirtschaftliche Umstrukturierungen, erhebliche öffentliche Investitionen und Konflikte mit etablierten wirtschaftlichen Interessen. Zudem werden die Kosten der Dekarbonisierung häufig kurzfristig sichtbar, ihre Erträge für Gesellschaft, Wirtschaft und Klima hingegen erst langfristig. Unter den Bedingungen demokratischen Wettbewerbs entsteht daraus ein strukturelles Spannungsverhältnis zwischen Wachstum, demokratischer Responsivität und effektiver Klimapolitik — und damit ein Politikfeld, in dem sich Zielkonflikte nicht wegplanen, sondern nur politisch aushandeln lassen.
Drei Strategien, drei Kompromisse
Vor diesem Hintergrund gibt es drei idealtypische Strategien, mit denen liberale Demokratien auf dieses Trilemma reagieren. Der liberale Status Quo prägt gegenwärtig die meisten liberalen Demokratien. Klimapolitik wird hier primär über marktwirtschaftliche Instrumente wie Steuern oder Subventionen, technologische Innovation und begrenzte staatliche Intervention verfolgt. Dahinter steht das Primat des wirtschaftlichen Wachstums und das Aufrechterhalten demokratischer Grundordnungen. Diese Verknüpfung ist kein Zufall: Die vergleichende politische Ökonomie zeigt, dass wirtschaftliches Wachstum die materiellen Voraussetzungen für politische Kompromisse schafft, Verteilungskonflikte entschärft und damit entscheidend zur Stabilität demokratischer Institutionen beiträgt. Diese enge Verknüpfung zwischen Wirtschaftswachstum und Demokratie können wir auch heute beobachten: Die Forschung zum ökonomischen Wählen zeigt, dass Wähler*innen Regierungen retrospektiv anhand der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bewerten und wirtschaftliche Krisen oder anhaltende Stagnation an der Wahlurne sanktionieren. Die Fähigkeit, breiten Bevölkerungsschichten wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern, bildet damit bis heute eine zentrale Quelle outputorientierter demokratischer Legitimation.
Die Hoffnung ist, dass dies zur Bekämpfung der Klimakrise ausreicht und gleichzeitig Wähler*innen und Wirtschaftsinteressen zufriedenstellt. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass der liberale Status Quo systematisch dazu tendiert, ambitionierte Klimapolitik zugunsten kurzfristiger Wachstumsziele zurückzustellen. Unternehmensinteressen, fiskalische Restriktionen und die Logik demokratischer Wahlzyklen führen dazu, dass notwendige Maßnahmen häufig abgeschwächt, verschoben oder ganz aufgegeben werden. Gerade Klimapolitik aber ist auf verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen angewiesen, weil Investitionsentscheidungen von Unternehmen, Haushalten und Staat Planungssicherheit voraussetzen. Die Debatten um das Gebäudeenergiegesetz in Deutschland sind hierfür symptomatisch.
Der Big Green State kombiniert Wachstum mit effektivem Klimaschutz durch langfristige, staatliche Planung. Diese Kategorie ist als analytischer Idealtyp zu verstehen, nicht als politische Empfehlung: Eine solch umfassende staatliche Steuerungsfähigkeit findet sich vor allem in autoritären Staaten wie China, wo staatliche Planung, industriepolitische Steuerung und langfristige Investitionsstrategien den Ausbau erneuerbarer Energien und grüner Industrien in einer Geschwindigkeit ermöglichen, die liberale Demokratien bislang nicht erreicht haben. Nach Angaben der Nationalen Energiebehörde (NEA) belief sich die installierte Leistung erneuerbarer Energien Ende 2025 auf mehr als 2.337 GW. Über 60 % des weltweiten Zubaus erneuerbarer Energiekapazitäten im Jahr 2025 entfielen auf China. Der Unterschied liegt darin, dass autoritäre Systeme politische Konflikte unterdrücken können, während liberale Demokratien sie austragen müssen. Durch die Konzentration politischer Macht und die Aushebelung von Verhandlungsprozessen ist langfristige, strategische Planung im Big Green State möglich. Dieser priorisiert Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zulasten liberal-demokratischer Verfahren.
Postwachstum schließlich ist die in der Klimawissenschaft und unter heterodoxen Ökonom*innen zunehmend populäre dritte Strategie. Ausgehend von der Annahme, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum innerhalb planetarer Grenzen nicht möglich ist, fordert diese Perspektive eine bewusste Reduktion von Produktion und Konsum in wohlhabenden Gesellschaften. Wissenschaftlich nimmt sie die ökologischen Grenzen des Wachstums vielleicht am konsequentesten ernst. Politisch steht Postwachstum jedoch vor einem grundlegenden Problem: Moderne Demokratien beruhen in hohem Maße auf der Erwartung steigenden materiellen Wohlstands. Eine demokratisch legitimierte Politik wirtschaftlicher Schrumpfung dürfte daher auf Dauer kaum mehrheitsfähig bleiben.
Diese drei Strategien sind keine bloßen Gedankenexperimente, sie lassen sich empirisch beobachten. Die Daten, die wir im Buch analysieren, zeigen, dass sich Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 1960 zwar graduell entkoppelt haben, absolut betrachtet jedoch weiterhin eng zusammenhängen: Gemessen am tatsächlichen Konsum emittieren reichere Länder nach wie vor deutlich mehr Treibhausgase pro Kopf als ärmere. Die Entkopplung ist damit bislang eine relative, keine absolute — ein Befund, der die Grenzen des liberalen Status Quo empirisch untermauert.
Zugleich zeigt unsere Auswertung von Lebenszufriedenheit und Pro-Kopf-Emissionen für das Jahr 2024 illustrativ, dass Menschen in emissionsärmeren Ländern im Durchschnitt weniger zufriedener sind als in emissionsintensiveren Gesellschaften. Da reichere Länder tendenziell sowohl höhere Emissionen als auch höhere Lebenszufriedenheit aufweisen, ist dieser Querschnittsbefund auch durch Einkommenseffekte mitbestimmt und lässt keine kausale Aussage zu. Dennoch spricht der Befund dagegen, dass sinkende Emissionen von Wähler*innen ohne Weiteres als Zugewinn an Lebensqualität wahrgenommen würden, und erklärt somit, warum eine freiwillig akzeptierte Schrumpfung von Produktion und Konsum, wie sie Postwachstums-Ansätze fordern, politisch so schwer durchzusetzen ist.

Abbildung 2: Lebenszufriedenheit und pro Kopf Emissionen nach Ländern im Jahr 2024.[2] Die horizontale Achse zeigt jährliche CO2-Emissionen in Tonnen pro Kopf. Die vertikale Achse zeigt Lebenszufriedenheit auf Grundlage von Selbstauskünften, gemessen von 0-10, wobei 10 die höchste Lebenszufriedenheit ausdrückt.
An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass technologischer Fortschritt das Trilemma auflösen wird: Sinkende Kosten erneuerbarer Energien, Fortschritte bei Speicher- und CO₂-Abscheidungstechnologien (Carbon Capture and Storage, CCS) sowie eine gezielte grüne Industriepolitik könnten Wachstum und Klimaschutz irgendwann auch ohne die hier beschriebenen Kompromisse vereinbaren. Dies ist ein legitimer Einwand, unterschätzt jedoch die Geschwindigkeit, mit der eine solche Entkopplung geschehen müsste. Die verbleibenden CO2-Budgets, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, erfordern einen sehr viel rascheren Rückgang der Emissionen, als ihn technologischer Fortschritt allein — ohne begleitende politische Steuerung von Investitionen, Konsum und Infrastruktur — bislang gebracht hat. Selbst China fügt seinen beeindruckenden Ausbau erneuerbarer Energien dem bisherigen Verbrauch fossiler Energieträger wie Kohle hinzu, statt ihn zu ersetzen. Green-Tech-Optimismus trägt zur Stabilisierung des liberalen Status quo bei, indem er die Hoffnung aufrechterhält, das Trilemma lasse sich künftig technologisch auflösen, ohne die heute notwendigen politischen Zielkonflikte austragen zu müssen.
Eine Erneuerung demokratischer Staatlichkeit
Bedeutet das Trilemma, dass liberale Demokratien zum Scheitern verurteilt sind? Wir hoffen es nicht. Das Schlusskapitel unseres Buches entwickelt Überlegungen dazu, wie sich das Trilemma politisch navigieren, wenn auch nicht auflösen, lässt. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass weder autoritäre Effizienzversprechen noch die Hoffnung auf einen konfliktfreien grünen Kapitalismus eine überzeugende Antwort darstellen.
Erforderlich ist stattdessen eine Stärkung der staatlichen Handlungs- und Gestaltungskapazitäten in liberalen Demokratien. Demokratien müssen jene strategischen Steuerungs- und Planungskapazitäten zurückgewinnen, die im Zuge neoliberaler Reformen weitgehend verloren gegangen sind. Klimapolitik darf sich nicht darauf beschränken, Marktversagen zu korrigieren, sondern muss öffentliche Investitionen koordinieren, Finanzströme lenken und langfristige Transformationsprozesse gestalten.
Ebenso entscheidend ist jedoch die politische Dimension der Transformation. Dauerhafte Mehrheiten für ambitionierten Klimaschutz werden sich nur dann bilden lassen, wenn Dekarbonisierung nicht primär als Verzichtsprojekt wahrgenommen wird, sondern als Projekt wirtschaftlicher Sicherheit und gesellschaftlicher Erneuerung — getragen von einer Koalition aus urbaner und ländlicher Arbeiter*innen- und Mittelschicht, die in der Transformation nicht Bedrohung, sondern Fortschritt sieht. Eine solche Koalition setzt allerdings voraus, dass die Kosten der Transformation als gerecht verteilt wahrgenommen werden. Daraus ergibt sich eine einfache Leitidee, die wir im Buch „degrowth for the rich, green growth for the rest“ nennen. Angesichts des überproportionalen CO₂-Fußabdrucks der wohlhabendsten Bevölkerungsgruppen wäre es weder ökologisch sinnvoll noch politisch tragfähig, die Kosten der Transformation vor allem der breiten Bevölkerung aufzubürden. Gute Arbeitsplätze, sinkende Lebenshaltungskosten, regionale Entwicklung und eine gerechte Verteilung der Lasten sind deshalb keine nachgelagerten Fragen der Klimapolitik, sondern die politische Voraussetzung für eben diese Koalition.
Die häufiger werdenden Hitzewellen machen deutlich, dass Klimaanpassung zu einer dauerhaften Aufgabe moderner Gesellschaften geworden ist. Sie sollte jedoch nicht den Blick auf die Ursachen unzureichender Klimapolitik verstellen. Wer verstehen will, warum liberale Demokratien erhebliche Schwierigkeiten haben, die Transformation zu einer dekarbonisierten Wirtschaft umzusetzen, muss den analytischen Fokus von einzelnen politischen Entscheidungen auf die strukturellen Spannungen richten, unter denen demokratische Regierungen heute handeln.
Der Beitrag basiert auf dem Buch "Growth, Democracy, or Climate Action? The New Trilemma of Advanced Capitalism” von Hanna Schwander, Aidan Regan, Tim Vlandas und Cyril Benoît. Es ist dieses Jahr bei Agenda Publishing erschienen.
Literatur:
[1] Regan, Aidan / Schwander, Hanna / Benoît, Cyril / Vlandas, Tim (2026): Growth, Democracy, or Climate Action? The New Trilemma of Advanced Capitalism, Newcastle: Agenda Publishing.
[2] Eigene Darstellung auf Grundlage von Daten des Wellbeing Research Centre der University of Oxford, aufbereitet von Our World in Data.
