/ 11.06.2013
Reiner Manstetten
Das Menschenbild der Ökonomie. Der homo oeconomicus und die Anthropologie von Adam Smith
Freiburg i. Br./München: Verlag Karl Alber 2000 (Alber-Reihe Thesen 7); 285 S.; geb., 74,- DM; ISBN 3-495-47980-5Manstetten unterzieht das Konzept des homo oeconomicus einer philosophischen Kritik und leistet unter Bezug auf Adam Smith einen Beitrag zur Bestimmung des Verhältnisses von Ökonomie und politischer Philosophie. Die Untersuchung lässt sich in drei Abschnitte gliedern. Zunächst gibt der Autor einen ideengeschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Konzepts des homo oeconomicus (Teil I und II). Wenngleich er darauf hinweist, dass eine umfassende Untersuchung bei den individualistischen Theorien der Sophistik ansetzen müsste (26), konzentriert er sich auf die Ausformulierung des Konzepts seit dem vorigen Jahrhundert bei Autoren wie Bentham, Gossen, Jevons, Pareto, Robbins, Friedman und Becker. Im zweiten Abschnitt (Teil III bis V) behandelt er eine Reihe von Problemen dieses Konzepts, die auf der Ebene der Beziehung des Menschen zu sich selbst und zu anderen und auf der der Begründung des Staates auftreten. Zu diesen Problemen gehören zum einen die uneingestandenen ethischen Implikationen: Die Legitimation selbstbezogenen Handelns kann auf soziales Verhalten zurückwirken und den Egoismus fördern (121). Zum anderen zeigt Manstetten in einer Auseinandersetzung mit der individualistischen Begründung des Staates in der "Public-Choice-Theorie", dass es auf der Grundlage des Konzepts des homo oeconomicus nicht möglich ist, die Bildung eines Staates zu erklären: "Wichtige Prozesse der politischen Willensbildung in westlichen Staaten können nur dann zu sinnvollen Resultaten führen, wenn die Teilnehmer einander in gewissem Maße Unparteilichkeit im Urteil und einen nicht ausschließlich von Privatinteressen geleiteten Willen im Handeln unterstellen." (232)
Der eigentliche Grund dieser Probleme liegt dem Autor zufolge in der "Tendenz [...], den wirtschaftenden Menschen zu einem Paradigma des ganzen Menschen zu erweitern" (16 f.). Es sei ein Irrtum, diese Tendenz mit Adam Smith in Verbindung zu bringen; vielmehr sei sie erst seit der Entwicklung der neoklassischen Theorie im vorigen Jahrhundert zu beobachten. Das Werk von Smith zeichne sich durch eine umfassende Anthropologie aus, in der der wirtschaftende Mensch "im Horizont eines umfassenden Welt- und Menschenbildes" (17) stehe. Der Darstellung und Analyse dieser Anthropologie ist der dritte Abschnitt (Teil VI) gewidmet, in dem der Autor die These vertritt, dass die "Theory of moral sentiments" (TMS) und der "Wealth of nations" (WN) sich in ihren Perspektiven ergänzen. In der TMS werde deutlich, dass die Politik auf Menschen angewiesen sei, die sich am gemeinschaftlichen Interesse orientieren und in der Lage sind, von ihrem individuellen Nutzen abzusehen. Im Bereich der Ökonomie hingegen bedürfe es nach Smith des Eigennutzstrebens und der Unersättlichkeit der individuellen Bedürfnisse: Das von Platon und Aristoteles kritisierte "Mehr-haben-wollen" (pleonexia) sei nicht nur ein unabänderliches anthropologisches Faktum, sondern "es hätte auch gravierende ökonomische Nachteile, wenn man sie [die pleonexia] beseitigen könnte: Unersättlichkeit und wachsender Wohlstand für alle sind untrennbar" (265). Smith vereinbare die Unersättlichkeit im Bereich der Ökonomie und die Gerechtigkeit im Bereich der Politik, indem er sie unterschiedlichen Ordnungen zuweise: "der Ordnung der Wirtschaft und der Ordnung der Ethik" (266). Offen bleibe bei Smith jedoch, wie die Verbindung zwischen beiden Bereichen geleistet werden könne: "Trotz vieler von ihm selbst herangezogener empirischer Belege für Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik fehlt bei Smith eine Theorie dieser Wechselwirkungen." (267)
Manstetten folgert daraus, dass sich bei Smith keine fertigen Antworten auf die Probleme finden lassen, in die moderne Egoismustheorien geraten, doch Smith liefere zumindest "die Begrifflichkeit" (268) für die erforderliche Verbindung von Politik und Ökonomie. Der Rückgang zu Smith wäre dann der erste Schritt zur Überwindung des einseitigen Menschenbildes der ökonomischen Theorie (und insbesondere der ökonomischen Theorie der Politik). Seine Interpretation von Smith legt aber eine andere Schlussfolgerung nahe: Dass Smith derjenige ist, der durch die Trennung von Politik und Ökonomie gerade diese Vereinseitigungen ermöglichte. Dann läge die Lösung vielleicht eher in einem Rückgang auf Platon und Aristoteles - von denen Smith sich abgrenzen wollte (255, 263 ff.) -, denn bei ihnen findet sich eine Anthropologie, die das bloße Nebeneinander von wirtschaftendem und politisch tätigem Menschen überwindet.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.45
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Reiner Manstetten: Das Menschenbild der Ökonomie. Freiburg i. Br./München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11025-das-menschenbild-der-oekonomie_13033, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13033
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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