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/ 18.06.2013
Gerd Koenen

Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2002; 554 S.; 12,90 €; ISBN 3-596-15573-8
Worum ging es eigentlich? Wie konnte die "68er-Bewegung" zum Katalysator eines gesellschaftlichen Umbruchs werden, obwohl ihr Gedankengebilde "einen entschiedenen antiliberalen, antidemokratischen (jedenfalls antiparlamentarischen) und antiwestlichen Charakter" (24) gehabt habe? Koenen nähert sich diesen Fragen aus der persönlichen Perspektive eines (damals linksradikalen) "politisch Hochaktiven" (9). Die 68er-Bewegung, zu deren Kern 20.000 Aktive zu rechnen seien, habe sich zu den wirklichen Problemen ihrer Zeit "undeutlich" (77) verhalten, so Koenens Meinung. Auch sei die Bundesrepublik dieser Zeit alles andere als restaurativ gewesen. Bereits zwischen 1958 und 1960 sei es, der Autor beruft sich auf neuere Untersuchungen, zur entscheidenden sozial- und kulturgeschichtlichen Zäsur gekommen (unter anderem durch die Einführung der Pille, den Anbruch des Fernseh-Zeitalters und Elvis Presley). Es habe Halbstarkenkrawalle gegeben, Streiks und Kundgebungen. Das politische Resultat sei eine "fast durchgängige politische Linksverschiebung und demokratische Reformbewegung in der Mehrzahl der westlichen Länder" (76) gewesen, alles vor 1968. Um dieses Jahr herum sei es im Kern "um einen außerordentlichen Konflikt von Weltkriegs- und Nachkriegsgeneration" (77) gegangen. Koenen beschreibt ausführlich die wichtigsten Protagonisten von 1968, ihr Auftreten und ihre - mitunter verworrenen - Ziele. "Das Bild dieser linksradikalen, kulturrevolutionären Bewegung bleibt wankend." (475) Das meiste, was sie bewirkt habe - so der geglückte lange Marsch durch die Institutionen - sei entgegen den bewussten Absichten geschehen. Als großer soziokultureller Umbruch habe '68 Auswirkungen bis heute, Koenen verweist auf die Grünen und die rotgrüne Regierung. Die wirkliche Zäsur der Nachkriegsgeschichte, ihr Ende, habe aber nicht 1968 stattgefunden, sondern 1989/90.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3312.3132.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17143-das-rote-jahrzehnt_19722, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19722 Rezension drucken
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