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/ 22.06.2013
Margrit Frölich / Ulrike Jureit / Christian Schneider (Hrsg.)

Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust

Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 2012; 239 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-86099-926-4
Die Herausgeber gehen davon aus, dass die Geschichtsschreibung, speziell die deutsche Geschichtsschreibung nach 1945, zwischen Wunsch und Wirklichkeit oszilliert und die Erinnerung daher mit einem gewissen Unbehagen betrachtet werden muss. „Von solchen, zunehmend als unbehaglich empfundenen Beobachtungen geht das vorliegende Buch aus: Seine in den verschiedenen Beiträgen durchaus unterschiedlich justierte Perspektive besteht darin, die Verständlichkeit von Wünschen an die Geschichte mit der Wirklichkeit jener Prozesse zu vermessen, die es möglichen machen, sie nüchtern zu verstehen und historisch, juristisch und moralisch zu beurteilen“ (13). Daher thematisieren die Autoren die bestehenden Defizite, die überkommenen Routinen und die problematische Selbstvergewisserung der kollektiven Erinnerungspraxis, die in gewisser Hinsicht von einer einheitlichen Gesellschaft ausgehen muss und daher der sich weiter diversifizierenden Gesellschaft immer weniger gerecht werden kann. Vor diesem Hintergrund widmet sich Harald Schmid in seinem Beitrag den kritischen Diagnosen zur Erinnerungskultur, die einerseits auf einen intellektuellen Selbstverständigungsprozess schließen lassen, aber andererseits auch verdeutlichen, dass ein Kampf um die geschichtsphilosophische Deutung der veränderten Situation eingesetzt hat. Hierbei stellt der Autor unter anderem fest, dass die bisherige Erinnerungskultur vielfach mit einem ex negativo gewonnenen Ordnungsverständnis gearbeitet habe, das zwar zu einer Stigmatisierung des Nationalsozialismus, aber nicht zu einem selbstsicheren und positiv gefüllten Demokratiebewusstsein geführt habe. Claus Leggewie thematisiert demgegenüber die Hilfsfunktion der Geschichtswissenschaft bei der Wahrheitssuche. Deren Expertise sei besonders dann gefragt und notwendig, wenn Historiker als Sachverständige vor Gericht zu Rate gezogen werden. Der historiografischen Urteilsbildung nähert sich Leggewie in diesem Beitrag über das triadische Verhältnis von professioneller Geschichtsschreibung, moralischer Beurteilung historischer Ereignisse sowie der strafrechtlichen Verurteilung vergangener Verbrechen. Deren Bewertung durch die Nachwelt werde immer konfliktbehaftet sein.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.352.232.61 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Margrit Frölich / Ulrike Jureit / Christian Schneider (Hrsg.): Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35711-das-unbehagen-an-der-erinnerung--wandlungsprozesse-im-gedenken-an-den-holocaust_43123, veröffentlicht am 13.02.2013. Buch-Nr.: 43123 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA