/ 21.06.2013
Martin Sabrow (Hrsg.)
Der Streit um die Erinnerung
Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2008 (Helmstedter Kolloquien 10); 135 S.; 13,- €; ISBN 978-3-931982-59-1Der politische, kulturelle und generationelle Streit um das zeitgenössische Erinnern wurde während der 13. Helmstedter Universitätstage 2007 thematisiert. Die Vorträge der „Theoretiker und Praktiker des historischen Gedenkens“ (8) werden eingeleitet mit einem Beitrag des Herausgebers über die „Erinnerung als Pathosformel der Gegenwart“ – die moralische Kraft des Erinnerns sei so groß, „dass das Nicht-Erinnern in Gestalt des Verschweigens, Vergessens, Verdrängens in unserem Denken eine psychische oder soziale Fehlentwicklung beschreibt“ (9). Sabrow erinnert daran, dass über Jahrhunderte das (wechselseitige) Vergessen als Grundlage des Friedens galt. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich aber das Verhältnis von Erinnern und Vergessen „grundstürzend verändert“ (10), verbunden mit einer begrifflichen Ausweitung. Das Erinnern sei nicht mehr allein ein individueller Vorgang, sondern – Sabrow verweist auf Maurice Halbwachs – ein kollektives Geschehen. Geschichte werde nunmehr als gesellschaftliche Konstruktionsleistung begriffen, unter Einbeziehung der Alltagsgeschichte. Erst diese beispielsweise „hat uns ein tieferes Verständnis für die kumulative Radikalisierung des Nationalsozialismus ermöglicht“ (13). Eine weitere wichtige Veränderung betreffe die Perspektive, diese habe sich von Heldengeschichten zu einer opferzentrierten Erinnerung verschoben – anders wäre dem Holocaust auch kaum zu gedenken. Die Ausführungen weisen insgesamt in eine Richtung, die eine Annäherung der Erinnerungskulturen ermöglichen könnte. In den weiteren Beiträgen geht es unter anderem um die deutsch-polnischen Erinnerungsgräben, gespeist u. a. aus einer unterschiedlichen Wahrnehmung des Beginns der Gewalt (Polen 1939, vertriebene Deutsche Herbst 1944) und um Gedenkorte mit doppelter Vergangenheit wie das KZ Buchenwald, das nach dem Krieg zu einem sowjetischen Speziallager wurde. Abschließend sieht Rudolf von Thadden die Herausforderung für Europa darin, dass es zwar eine gemeinsame Geschichte habe, „aber keine gemeinsame Erinnerung und schon gar kein gemeinsames historisches Gedächtnis“ (120).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Martin Sabrow (Hrsg.): Der Streit um die Erinnerung Leipzig: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30151-der-streit-um-die-erinnerung_35748, veröffentlicht am 10.02.2009.
Buch-Nr.: 35748
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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