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/ 14.07.2013
Dirk Schmaler

Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit – zwischen Aufklärung und Verdrängung

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2013 (Beiträge zur Aufarbeitung der NS-Herrschaft 1); 144 S.; geb., 29,95 €; ISBN 978-3-631-63557-5
Die Aufarbeitung der NS‑Vergangenheit in der deutschen Gesellschaft stellt einen zentralen Gegenstand der Zeitgeschichtsforschung dar (siehe grundlegend Buch‑Nr. 26788). Der Hannoveraner Journalist Dirk Schmaler widmet sich einem Teilaspekt der Aufarbeitungsgeschichte, der gleichwohl bestimmend für gesellschaftliche Prozesse war beziehungsweise diese abbildete: der in öffentlichen Verlautbarungen zu den Jahrestagen des 8. Mai artikulierten Haltung der Bundespräsidenten zu diesem Thema. Eine wesentliche Rolle nimmt hierbei die Deutung des Tages als „Tag der Befreiung“ ein, wie sie in der Bundesrepublik erstmals von Walter Scheel öffentlich angeboten und schließlich durch Richard von Weizsäcker als „Gedenkkonsens“ (14) etabliert wurde. Schmalers Analyse der entsprechenden Reden eröffnet eine vom emeritierten Politologen Joachim Perels herausgegebene neue Reihe: Beiträge zur Aufarbeitung der NS‑Herrschaft. Diese soll sich in erster Linie „auf die rechtsstaatliche Analyse des Dritten Reiches und den Umgang der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz mit den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen“ (5) konzentrieren, deren gesellschaftlicher Rahmen hier skizziert werden soll. Die Prägung des Reihenherausgebers als Promotor einer „linken Politikwissenschaft“ (siehe Buch‑Nr. 41832) merkt man dem Buch, das stark normativ argumentiert, in vielen Passagen an. Schmaler warnt vor dem „Versuch, die […] vielfach problematische Aufarbeitung der Vergangenheit zu überhöhen“. Dieser Versuch stehe nämlich für das „Bestreben, die Wahrnehmung der nationalsozialistischen Vergangenheit durch den vorgeblich erfolgreichen Umgang mit ihr zu ersetzen“ (130), mithin für den viel bemühten „Schlussstrich“ (7), und er etabliere den „Mythos einer erfolgreich aufgearbeiteten Vergangenheit“ (24). Kritik wird entsprechend in den Ausführungen zu Theodor Heuss, Heinrich Lübke und Gustav Heinemann, aber auch zu Horst Köhler laut. Insgesamt könne gleichwohl eine „Entwicklung hin zu einem offeneren, aufgeklärteren Umgang mit dem Nationalsozialismus“ konstatiert werden, wobei ein „unverstellte[r] Blick auf die Vergangenheit“ (129) noch ausstehe.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.3242.352.3132.315 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Dirk Schmaler: Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit – zwischen Aufklärung und Verdrängung Frankfurt a. M. u. a.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35951-die-bundespraesidenten-und-die-ns-vergangenheit--zwischen-aufklaerung-und-verdraengung_44026, veröffentlicht am 14.07.2013. Buch-Nr.: 44026 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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