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/ 22.06.2013
Gerhard Bosch / Claudia Weinkopf / Georg Worthmann

Die Fragilität des Tarifsystems. Einhaltung von Entgeltstandards und Mindestlöhnen am Beispiel des Bauhauptgewerbes

Berlin: edition sigma 2011 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 128); 242 S.; 16,90 €; ISBN 978-3-8360-8728-5
Während die Entwicklung der Tarifbindung (und ihr allgemeiner Rückgang in den vergangenen zwei Jahrzehnten) in Deutschland relativ gut erforscht ist, fehlte bislang eine repräsentative Untersuchung zur Einhaltung von Tarifstandards. Implizit wurde in der Regel (unbegründeterweise) davon ausgegangen, dass Betriebe mit Tarifbindung diese auch einhalten, während nicht tarifgebundene Unternehmen diese automatisch unterschreiten. Zwar lieferten Einzelbefragungen und Betriebsfallstudien immer wieder Hinweise darauf, dass einerseits Tarifbindung in (Teil-)Branchen durchaus normsetzende Wirkung für andere Unternehmen und Branchen entfalten kann und andererseits insgesamt zugleich eine verstärkte Tendenz zu „wilder“ Dezentralisierung (nicht kollektiv ausgehandelte Unterschreitung von Tarifstandards) zu erkennen ist; in der empirischen Forschung wurde diesen Befunden aber kaum weiter nachgegangen. Auf Grundlage einer breit angelegten repräsentativen Befragung versuchen die Autoren, diese Forschungslücke am Beispiel des Bauhauptgewerbes zu schließen. Ergänzt werden die Befunde durch Querschnittsvergleiche sowohl mit anderen deutschen Branchen als auch mit europäischen Nachbarländern. Im Ergebnis zeigt sich, dass unzulässige Unterschreitungen tariflich festgesetzter Entlohnungsstandards inzwischen keine Ausnahme mehr bilden. Zugleich wird jedoch die positive Wirkung von Mindestlöhnen deutlich: Die Hemmschwelle, diese zu unterschreiten, scheint weitaus größer zu sein; diesbezüglich konnten Mindestlöhne sowohl in West- als auch in Ostdeutschland (trotz der ohnehin unterschiedlichen Entlohnungsstandards) ein weiteres Abrutschen der Löhne verhindern. Allerdings erweist sich das deutsche Mindestlohn-Modell als nicht immer unproblematisch, indem es oftmals bestimmte Beschäftigtengruppen und insbesondere Frauen benachteiligt. Die Vergleiche mit Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden hingegen zeigen, dass ein Nebeneinander von tariflichen und gesetzlichen Mindestlohnregelungen sowie umfassendere Kontrollen zu deren Einhaltung sinnvoll und durchaus praktikabel sein können – und vermutlich der einzige Weg, um immer stärker werdenden Tendenzen von Abwärtsspiralen bei der Entlohnung und dem weiteren Wegbrechen von Arbeitnehmer-(Vertretungs-)rechten entgegenzuwirken.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3422.3312.612.262 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Gerhard Bosch / Claudia Weinkopf / Georg Worthmann: Die Fragilität des Tarifsystems. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34099-die-fragilitaet-des-tarifsystems_40899, veröffentlicht am 08.12.2011. Buch-Nr.: 40899 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA