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/ 21.06.2013
Karl-Heinz Ladeur / Ino Augsberg

Die Funktion der Menschenwürde im Verfassungsstaat. Humangenetik – Neurowissenschaft – Medien

Tübingen: Mohr Siebeck 2008; V, 126 S.; 39,- €; ISBN 978-3-16-149617-2
Entgegen den gängigen Auseinandersetzungen um den Begriff der Menschenwürde und ihrer Stellung als einem Gut, das entweder abwägbar oder absolut zu sehen ist, untersuchen die beiden Autoren, welche mögliche positive Funktion einem „Unverfügbarkeitstopos“ (V) in einem modernen Gemeinwesen innerhalb des Rechtssystems zukommen kann. Der Gedankengang der Autoren ist stark an den systemtheoretischen Ansätzen nach Luhmann orientiert. Dabei erweist sich dieser Zugang über die soziologische Systemtheorie als äußerst fruchtbar. Moderne Gesellschaften werden demnach als funktional hoch differenziert betrachtet, ihre Subsysteme wie Wirtschaft, Wissenschaft oder Recht übernehmen je unterschiedliche Funktionen im Gesellschaftsganzen. Die Autoren stellen jedoch fest, dass „die ausdifferenzierten Subsysteme [...] Tendenzen einer Totalisierung [zeigen]" (5). Sie neigen also zur Kolonisierung der anderen gesellschaftlichen Teilbereiche, sie tendieren zur „Entdifferenzierung“ (8). Entsprechend meinen die Autoren auch, dass Djihad und Coca Cola, also Islam und Kapitalismus, in dieser Funktion eine „unheilige Allianz“ (6) eingehen. Dies führt schließlich zu einer funktionalistischen Sicht der Menschenwürde als Entdifferenzierungssperre, sodass menschliche Individualität und Autonomie das „rechtlich konstituierte absolute Haltesignal“ (11) bedingen. Einer der Anwendungsfälle Ladeurs und Augsbergs ist die Folter. Dieses Tabu ist in jüngster Zeit im Konzept einer „Rettungsfolter“ in einer Gegenüberstellung der Würde des Opfers mit der Würde des Täters zur Disposition gestellt worden. Auf diese Abwägung lassen sich die Autoren jedoch nicht ein. Vielmehr argumentieren sie, dass eine Normierung der Folter im Sinne einer „Bundes- oder Landesfolterverordnung“ (38) absurd wäre. Die Menschenwürde steht in ihren Ausführungen für „eine Chiffre, sich Totalisierungsbestrebungen des Rechts und dessen Entscheidungsmacht“ (40) entgegenzustellen. Dahinter steht die Einsicht, dass es „rechtswertungsfreie Räume geben kann oder sogar muß“ (41). Insgesamt bieten die Autoren einen neuen Ansatz im aktuellen Diskurs um die Menschenwürde.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.442.32 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Karl-Heinz Ladeur / Ino Augsberg: Die Funktion der Menschenwürde im Verfassungsstaat. Tübingen: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30170-die-funktion-der-menschenwuerde-im-verfassungsstaat_35769, veröffentlicht am 08.04.2009. Buch-Nr.: 35769 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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