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/ 21.06.2013
Pierre Pescatore

Die Geschichte der europäischen Einigung zwischen Realität und Utopie

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007 (Schriftenreihe Europäisches Recht, Politik und Wirtschaft 330); 79 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-8329-2661-8
Der Jurist und ehemalige Richter am Europäischen Gerichtshof wirft einen Blick auf die europäische Integration aus der Sicht des Jahres 1989. Der schmale Band geht auf eine Vorlesung zurück, die Pescatore damals an der Universität Münster hielt und die durch verschiedene Widrigkeiten erst heute publiziert werden konnte. Pescatore hat den Text der Vorlesung unverändert gelassen und durch ein neues Kapitel ergänzt, in dem er die Erweiterung der EU seit 1990 beschreibt. Das Buch enthält keine neuen Erkenntnisse, ist aber durchaus anregend, denn Pescatore schreckt vor deutlichen Urteilen nicht zurück. So bewertet er die Rolle Großbritanniens bei der Integration sehr negativ und hält die zweifache Ablehnung britischer Beitrittsgesuche aufgrund eines französischen Vetos in den sechziger Jahren letztlich für eine glückliche Fügung des Schicksals. Das hindert ihn allerdings nicht daran, auch die französische Europapolitik zu kritisieren, die ihm allzu sehr außer Acht lässt, dass die Garantie der europäischen Sicherheit nach wie vor in der Atlantischen Gemeinschaft liege. Diese transatlantische Perspektive scheint ihm auch für die Zeit nach 1990 nicht obsolet, ganz besonders nicht seit dem Beitritt zahlreicher osteuropäischer Staaten. Die Reformen der EU seit 1990 beurteilt er sehr skeptisch. Vor allem die Charta der Grundrechte mit dem Entwurf einer Verfassung für Europa hält er für höchst fragwürdig. Auch die schnelle Erweiterung hält Pescatore für sehr problematisch. Sie habe dazu geführt, dass „der Übergang zu einer nicht nur nominalen politischen Union vorerst undenkbar“ (60) ist. Den 2004 in Rom verabschiedeten Entwurf einer Verfassung für Europa hält Pescatore gar für „Pfuschwerk“ (69). Er ist sich sicher, „dass der Plan einer ‚Verfassung für Europa’ in der derzeit erreichten Phase hängen bleiben und am Ende [...] den Weg anderer europäischer Utopien gehen wird“ (71). Bevor wieder an eine politische Union zu denken ist, hält er es für wichtiger, die Wirtschaftsunion zu vollenden und die Währungsunion auf alle Staaten der EU auszudehnen.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 3.1 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Pierre Pescatore: Die Geschichte der europäischen Einigung zwischen Realität und Utopie Baden-Baden: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27935-die-geschichte-der-europaeischen-einigung-zwischen-realitaet-und-utopie_32823, veröffentlicht am 29.07.2008. Buch-Nr.: 32823 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA