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/ 21.06.2013
Paul W. Thurner

Die graduelle Konstitutionalisierung der Europäischen Union. Eine qualitative Fallstudie am Beispiel der Regierungskonferenz 1996

Tübingen: Mohr Siebeck 2006 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften 136); VIII, 272 S.; Ln., 69,- €; ISBN 978-3-16-148852-8
Habilitationsschrift Mannheim. – Anhand der Regierungskonferenz von Amsterdam (1996) werden Bedingungen und strategische Anreize identifiziert, die in den Verhandlungen zu den dort verabschiedeten konstitutionellen Regeln geführt haben. Vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen zur Europäischen Integration wird zunächst der Stellenwert von Regionalkonferenzen diskutiert. Die Darstellung des Zusammenhangs zwischen Verhandlungen und der Konstitutionalisierung neuer Regeln dient dem Autor dazu, die Notwendigkeit der Analyse von Herrschaftsformen aus der Sicht institutionenökonomischer Ansätze zu begründen. Im Zentrum der empirischen Analyse steht die Frage, wie die jeweiligen Regierungen ihre Verhandlungspositionen für intergouvernementale Regierungskonferenzen intern erarbeiten und abstimmen. Weiterhin werden die Koordinationsnetzwerke zwischen den administrativen Eliten der Länder (Ministerien) zur Vorbereitung der Regierungskonferenz von 1996 rekonstruiert. Schließlich fragt der Autor, mit welcher Strategie die Regierungen in die Konferenz gehen und wie sich die Positionen während der Verhandlungen ändern. Die Studie beruht auf den Verhandlungsdokumenten sowie standardisierten Interviews, die zunächst mit jeweils einem Delegationsmitglied aller 15 beteiligten Länder geführt wurden. Nach Abschluss der Konferenz wurden hochrangige Beamte der Ministerialbürokratie befragt, die an der Vorbereitung der Konferenz beteiligt waren. In Anlehnung an spieltheoretische Überlegungen brachte die analytische Rekonstruktion von Verfassungsverhandlungen das Ergebnis, dass formal hergeleitete Aussagen nur unter sehr restriktiven zusätzlichen Bedingungen wahr seien. Inhaltlich ist festzuhalten, dass Netzwerke sich durch eine Zentrum-Peripherie-Struktur und kohäsive Einzelgruppen charakterisieren lassen. Durch strategische Kommunikation sowie asymmetrische Informationsverteilung werde der zwangfreie Rahmen einstimmiger Entscheidungen unterlaufen.
Jörg Jacobs (JJ)
Dr., Politikwissenschaftler, Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation, Strausberg.
Rubrizierung: 3.13.23.3 Empfohlene Zitierweise: Jörg Jacobs, Rezension zu: Paul W. Thurner: Die graduelle Konstitutionalisierung der Europäischen Union. Tübingen: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26133-die-graduelle-konstitutionalisierung-der-europaeischen-union_30404, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30404 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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