/ 21.06.2013
Konrad Paul Liessmann (Hrsg.)
Die Gretchenfrage: "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?"
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2008 (Philosophicum Lech 11); 256 S.; brosch., 21,50 €; ISBN 978-3-552-05431-8Die Gretchenfrage sei heute in verschiedene Facetten aufgefächert, schreibt der Wiener Philosophie-Professor Liessmann. Der thematische Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der Frage, wie wir es heute mit der Religion als Ausdruck einer sozialen und moralischen Lebensform halten, „die durchaus in Konflikt mit jenen Rechtsordnungen gelangen kann, die in differenzierten Gesellschaften die moralisch-religiösen Diskurse aufgefangen und abgelöst haben sollten“ (16). Liessmann verweist darauf, dass eine säkulare individualisierte Gesellschaft kein Problem damit habe, „unzählige individualisierte Glaubensvorstellungen tolerant zu behandeln“. Ein Problem entstehe aber, „wenn sich Religionsgemeinschaften als Teilgesellschaften verstehen, die ihre eigenen Rechtsvorstellungen generieren“ (17). Diesen Aspekt greift auch Reemtsma auf. Er fragt, ob man Religiosität respektieren müsse. Als religiös versteht er denjenigen, der meint, dass der Sinn der Welt nicht zu entschlüsseln sei. Reemtsma erklärt das unauflösbare, einseitige Spannungsverhältnis, in dem der Religiöse zur säkularen Gesellschaft steht: Für diesen sei die säkulare Gesellschaft eigentlich ein Irrtum. Innerhalb von dessen Logik verwundert es Reemtsma nicht, wenn der Papst die Holocaust-Opfer mit abgetriebenen Föten vergleicht – nur sei dem Religiösen, der nicht in seiner privaten Sphäre bleibe, der Respekt zu weigern. Der Respekt vor der privaten Religiosität verlange vielmehr umgekehrt den Respekt des Religiösen vor einem säkularen Staat, der seine Bürger vor einer religiösen Zwangsvergemeinschaftung in Schutz nehme. Diese Ansicht, mit der kein Weg mehr hinter die Aufklärung zurückführt, ist auch in den anderen Beiträgen des Bandes zu finden, die auf das elfte Philosophicum in Lech am Arlberg 2007 zurückgehen. Dies gilt z. B. auch für die Beschäftigung Krämers mit der Frage, ob der Islam eine politische Religion sei. Sie stellt in einem Rückblick auf die historischen Entstehungsbedingungen fest, dass der Islam als „Religion der Möglichkeiten“ (101) zu begreifen und nicht an eine politische Ordnung gekoppelt sei.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 5.44
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Konrad Paul Liessmann (Hrsg.): Die Gretchenfrage: "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" Wien: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29036-die-gretchenfrage-nun-sag-wie-hast-dus-mit-der-religion_34293, veröffentlicht am 19.06.2008.
Buch-Nr.: 34293
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA