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/ 21.06.2013
Richard Münch

Die Konstruktion der europäischen Gesellschaft. Zur Dialektik von transnationaler Integration und nationaler Desintegration

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2008; 445 S.; kart., 24,90 €; ISBN 978-3-593-38651-5
Weite Teile der Politikwissenschaft pflegen ihre skeptische Haltung zu den Möglichkeiten einer Demokratisierung der Europäischen Union mit der Dominanz nationalstaatlicher Identitätsstrukturen und dem Fehlen einer europäischen Gesellschaft zu begründen. Der Soziologe Münch wählt eine andere Perspektive. Er arbeitet Überlegungen weiter aus, die er bereits seit den 90er-Jahren zur gesellschaftlichen Dimension der Integration entwickelt hat – etwa in den Werken „Offene Räume“ (siehe ZPol-Nr. 16038) und „Projekt Europa“. Eine europäische Gesellschaft ist für Münch längst im Entstehen, sie folgt aber nicht dem Muster der Nationalstaatsbildung, sondern ist durch eine Dialektik von transnationaler Verflechtung einerseits und Desintegration auf nationaler Ebene andererseits gekennzeichnet. Während sich die Eliten über nationale Grenzen hinweg vereinigen, wächst innerhalb der Grenzen die Entfremdung zwischen Angehörigen verschiedener Schichten. Beide Prozesse sind aufeinander bezogen. Die entscheidenden Anstöße für diese Entwicklung identifiziert Münch in der fortschreitenden ökonomischen Arbeitsteilung, die durch die Liberalisierung der Märkte im Rahmen von EWG, EG und EU maßgeblich vorangetrieben worden ist. Entlang der neofunktionalistischen Theorietradition sieht Münch Mechanismen des „spill over“ wirken, wenn die funktionalen Notwendigkeiten eines gemeinsamen Marktes zur Schaffung politischer Institutionen und zu rechtlicher Harmonisierung führen. Insbesondere die Rechtsprechung des EuGH rückt Münch dabei in den Mittelpunkt. Als dritte Ebene kommt – hier knüpft Münch an den Sozialkonstruktivismus an – die „semantische Konstruktion“ einer legitimen Ordnung durch intellektuelle Diskurse an. Münch hat mit dieser Studie eine Zwischenbilanz seiner Analysen zur Soziologie der europäischen Integration vorgelegt, die für die politikwissenschaftliche Debatte zum Verhältnis ökonomischer, politischer und rechtlicher Integration wichtige Anregungen geben kann.
Wilhelm Knelangen (WK)
Dr., wiss. Ass., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 3.13.23.3 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Knelangen, Rezension zu: Richard Münch: Die Konstruktion der europäischen Gesellschaft. Frankfurt a. M./New York: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29283-die-konstruktion-der-europaeischen-gesellschaft_34631, veröffentlicht am 03.03.2009. Buch-Nr.: 34631 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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