/ 22.06.2013
Stefan Bernhard
Die Konstruktion von Inklusion. Europäische Sozialpolitik aus soziologischer Perspektive
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2010 (Campus Forschung 943); 429 S.; 45,- €; ISBN 978-3-593-39153-3Diss. Bamberg. – Welcher Stellenwert sollte einer Soziologie der EU-Integration in einer politikwissenschaftlichen Zeitschrift eingeräumt werden, zumal einer Soziologie, die offen dafür plädiert, EU-Forschung „in direktem Wettbewerb mit der Politikwissenschaft zu betreiben“ (357)? Die Kritik, die an Letzterer geübt wird, hat es in sich: Sie sei „zu nah am Forschungsobjekt“ und werde „zum Teil der sozialen Zusammenhänge […], die sie beobachten sollte“ (47); sie versuche, „auf die Fragen zu antworten, die ihnen die Praktiker stellen“ und verzichte darauf, „ihr Forschungsprogramm von vornherein nach eigenen Maßstäben zu entwerfen“ (389). Anders formuliert, die Politikwissenschaft stelle sich eher als Erfüllungsgehilfin herrschender Politik- und Machtstrukturen dar. Wer das Buch gelesen hat, ist dennoch geneigt, diesen augenscheinlichen Provokationen zumindest partiell zuzustimmen. Der Autor setzt sich zunächst detailliert mit politikwissenschaftlichen Ansätzen zur europäischen Sozialpolitik auseinander und argumentiert, dass diese (und zwar sowohl in ihren rationalistischen als auch konstruktivistischen Spielarten) dazu neigten, vordergründige symbolische Konflikte als gegebene Realität aufzufassen – und damit die innere Widersprüchlichkeit, Vorläufigkeit und partielle Verschleierung politischer Institutionen zu verkennen. Aufbauend auf Bourdieus Feldtheorie begreift Bernhard die europäische Sozialpolitik weniger als lösungsorientiert und interessengeleitet; vielmehr stelle sie sich als ein komplexer symbolischer Raum dar, der Konflikte zwischen Interessen, Handlungslogiken und wissenschaftlicher Wahrheitsproduktion (sic!) überhaupt erst ermöglicht. Die Entstehung und Strukturierung dieses Raumes zeichnet der Autor in einer ausführlichen historischen Betrachtung überzeugend nach. Im Sinne einer politischen Soziologie des Wissens plädiert er für stärkere Reflexion (des jeweiligen Analysegegenstandes) sowie Reflexivität (Verortung der eigenen Disziplin als Teil des Gegenstandes). Das Buch lässt sich denn auch nicht so sehr als Konkurrenz, sondern vielmehr als Dialogangebot an die Politologie verstehen und ist – unabhängig davon, ob man sämtlichen Aussagen im Einzelnen zustimmt oder nicht – von der ersten bis zur letzten Zeile absolut lesenswert.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 3.5
Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Stefan Bernhard: Die Konstruktion von Inklusion. Frankfurt a. M./New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32209-die-konstruktion-von-inklusion_38419, veröffentlicht am 09.06.2010.
Buch-Nr.: 38419
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Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
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