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/ 05.06.2013
Alexander Stille

Die Richter. Der Tod, die Mafia und die italienische Republik. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Karl-Heinz Silber

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1999; 541 S.; 24,90 DM; ISBN 3-596-14000-5
Das Buch liest sich über weite Strecken wie ein Kriminalroman über die sizilianische Mafia und ihre Methoden, die Strafverfolgungsbehörden auf Distanz zu halten. Die eingesetzten Mittel sind absehbar: Entführung, Mord, Erpressung und Bestechung werden in steter Wiederkehr benutzt, gleichgültig gegen wen. Die Entführungs- und Mordopfer sind entweder den einzelnen Mafiafamilien zu nahe gekommen, sind vielleicht in Bandenkämpfe geraten, oder wurden nur ausgewählt, um ein zynisches Zeichen der Entschlossenheit zu setzen, dem Staat auch weiterhin trotzen zu wollen. Die beiden Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino machten der Cosa Nostra das Leben besonders schwer, sie initiierten nach jahrelangen Recherchen einen Maxi-Prozess gegen die Mafia, gegen die "ehrenwerten Männer". Und nicht von ungefähr versuchte die Mafia durch die Ermordung der beiden Mafia-Jäger - beide kamen 1992 durch Bombenanschläge ums Leben - wiederum dem Staat eine "Botschaft" zu übermitteln: Sie allein hätte die Macht in Sizilien, nicht der Staat. Stilles Buch ist allerdings mehr als nur die Darstellung brutaler Mafiamethoden, sondern auch der Versuch, die Verknüpfung zwischen Staat und Mafia, zwischen Regierungsparteien und Mafiafamilien auf Sizilien aufzuzeigen. Stilles These, "dass die Politik im Krieg gegen die Mafia eine wesentliche Rolle gespielt hat" (493), lässt sich leicht mit dem Verweis auf die Beziehungen der Christdemokraten im Beziehungsgeflecht des organisierten Verbrechens belegen. Die Mafia galt zu den frühen Zeiten des Kalten Krieges gar als politisches Mittel gegen den Kommunismus. Je unwahrscheinlicher aber die kommunistische Bedrohung, je größer die Einsätze im internationalen Heroingeschäft wurden, desto belastender wurden "politische Korruption und Kungelei" (493) für die Democrazia Christiana, die nach 1989 auch relativ rasch zerfiel. Insofern ist Stilles Buch, das 1997 bei C. H. Beck erschienen ist, auch eine Art neueste Geschichte der italienischen Republik.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.612.25 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Alexander Stille: Die Richter. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6495-die-richter_8809, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8809 Rezension drucken
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