/ 11.06.2013
Christoph Deutschmann
Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 1999; 194 S.; kart., 39,80 DM; ISBN 3-593-36253-8In Gestalt des Geldes, so heißt es einmal bei Marx, trage jeder sein gesellschaftliches Verhältnis in der Tasche mit sich. Ähnlich suchte Simmel seinerzeit an der Ausbreitung der Geldwirtschaft die zunehmende Interdependenz unpersönlicher sozialer Beziehungen zu zeigen. Gemessen an dieser stets gesellschaftstheoretischen Sicht der soziologischen Klassiker scheint in den gegenwärtigen Sozialwissenschaften ein eher technisches Verständnis vorherrschend: Geld gilt weithin als Tauschmedium, das innerhalb des Wirtschaftssystems die Allokation knapper Güter und - soweit es in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen relevant wird - eine (systemische) Handlungskoordination sicherstellen soll. Von dieser - seines Erachtens - defizitären Konzeptualisierung des Geldes setzt sich die Studie des Tübinger Soziologen ab. Im engeren verfolgt Deutschmann drei unterscheidbare Argumentationslinien. Zunächst entwickelt er - namentlich gegen Parsons und Habermas - den systematischen Einwand, daß in beiden Konzeptionen die Vermögenseigenschaft des Geldes, und zwar sowohl unter dem Gesichtspunkt sozialer Macht als auch hinsichtlich des Potentials von Kreativität, nicht ausreichend zur Geltung kommt (36 ff., 62 ff.). Die Auseinandersetzung mit Luhmann dient ihm - zweitens - dazu, Ansatzpunkte einer religionssoziologisch inspirierten Entmystifizierung der (kapitalistischen) Geldökonomie zu formulieren (67 ff., 86 ff.). In seiner Kapitalform erfüllt Geld - so die zentrale These - jene Funktion, die Luhmann fälschlich der Religion zuschreibe: "Kapital" nämlich ist die "Generalformel für die durch den einzelnen Austauschakt niemals aktualisierbare, sondern stets nur 'appräsentierbare' Komplexität des Reichtums" (99). Darauf aufbauend will Deutschmann – drittens - eine Interpretation kapitalistischer Dynamik vorschlagen, die vor allem auf die in diese eingebundene zyklische Verschränkung von "Strukturierung und Entstrukturierung der Gesellschaft", von Kreativität und Destruktion abstellt (135). In den abschließenden "Anmerkungen zur Gegenwart" skizziert der Autor - in Anlehnung an Schumpeter, Keynes und Gesell - einige spekulative Erwägungen über die "Endlichkeit" jener Dynamik (161 ff.). Es könnte durchaus sein, daß die institutionellen und kulturellen Voraussetzungen der "schöpferischen Zerstörungen", über den sich der kapitalistische Innovationsprozeß allein zu realisieren vermag, mehr und mehr erodieren; dann aber wäre es Zeit für eine Rückverwandlung der Erwerbs- in eine Versorgungswirtschaft, die zwar noch Unternehmerlohn, aber keinen Kapitalprofit mehr kennt (180 f.). Auch wenn man Deutschmanns provokativen Reflexionen nur in Teilen folgen mag, so unterstreicht der Essay doch nachdrücklich die Notwendigkeit, mit Mitteln der Sozialwissenschaft Funktion und Wirkung der Allgegenwart des Geldes genauer als bisher zu analysieren.
Inhaltsübersicht: 1. Das Geld als blinder Fleck der heutigen Soziologie; 2. Ein erweiterter Blick auf die klassische Tradition; 3. Das Parsonianische Arrangement zwischen Soziologie und Ökonomie und seine Folgen für die Theorie des Geldes; 4. Parsons und Habermas; 5. Geld und soziales System: Die Luhmann'sche Variante; 6. Exkurs zur historischen Genese des Geldes; 7. Kapitalverwertung als Transformation unbestimmbarer in bestimmte Komplexität; 8. Kapital und Religion; 9. Die Rationalisierung "heiligen" Wissens in Religion und Wirtschaft; 10. Theorie kapitalistischer Dynamik; 11. Die Mythenspirale; 12. Anmerkungen zur Gegenwart.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.45
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Christoph Deutschmann: Die Verheißung des absoluten Reichtums. Frankfurt a. M./New York: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9789-die-verheissung-des-absoluten-reichtums_11542, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11542
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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