/ 22.06.2013
Alexander Behrens (Hrsg.)
"Durfte Brandt knien?" Der Kniefall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag. Eine Dokumentation der Meinungen
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2010; 150 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-8012-0404-4„So wird das alles nicht in den Geschichtsbüchern stehen, in die es aber doch gehört: dieses wilde, füßescharrende Geschubse der Photographen plötzlich; die Sekunde der Atemlosigkeit; des Erschreckens. Wo ist er? Was ist denn passiert? Ist er gestürzt? Ohnmächtig geworden?“ (57) Nein, Bundeskanzler Willy Brandt ging es an diesem 7. Dezember 1970 gut und er war sich intuitiv sicher, richtig zu handeln, als er vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstandes niederkniete. Der damalige Spiegel-Reporter Hermann Schreiber verstand die historische Bedeutung dieses Moments auf Anhieb, sein Beitrag, aus dem das obige Zitat stammt, gehört zu den lesenswertesten in dem Band. Schreiber erfasst die menschlichen Motive Brandts, hinter die das politische Kalkül zurücktrat.
Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch um eine informative Zusammenstellung von Dokumenten, in denen sich die Tragweite des Kniefalls und der Unterschrift Brandts unter den Warschauer Vertrag widerspiegeln. Im ersten Kapitel kommen noch einmal die Gegner in der CDU/CSU-Opposition zu Wort, die gegen eine Anerkennung der polnischen Westgrenze polemisierten, im zweiten Teil finden sich der Vertrag im Wortlaut, das deutsch-polnische Kommuniqué sowie die Reden Brandts in Warschau, im dritten Kapitel werden die in den Medien veröffentlichten Meinungen in Erinnerung gerufen. Daran schließen sich Beiträge an, in denen die Ereignisse mit einem Abstand von dreißig Jahren betrachtet werden, sowie drei Briefe, die Brandt von Erhard Eppler, Ludwig Rosenberg und Marion Gräfin Dönhoff erhielt und an letztere schrieb. Diese war eingeladen, ihn nach Warschau zu begleiten, sagte aber ab und entschuldigte sich für ihre Mutlosigkeit. Im Rückblick lesen sich ihre Zeilen wie eine Entschuldigung im Namen aller Zauderer jener Zeit, für die Brandt – in der Hoffnung auf einen Sinneswandel – Verständnis hatte.
Die Dokumentation ist auf westdeutsche Stimmen beschränkt, was bedauerlich ist. Zwar ist bekannt, dass das polnische Regime um den Kniefall damals kein Aufhebens machte, zumal Brandt in dem vom Antisemitismus geprägten Land den jüdischen Widerstandskämpfern gedachte. Dennoch gab es einige Reaktionen, die ebenso wie heutige Einschätzungen von polnischer Seite (oder aus anderen europäischen Ländern) vielleicht interessant zu lesen wären.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Alexander Behrens (Hrsg.): "Durfte Brandt knien?" Bonn: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33160-durfte-brandt-knien_39628, veröffentlicht am 24.03.2011.
Buch-Nr.: 39628
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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