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/ 18.06.2013
Stephan Lessenich

Dynamischer Immobilismus. Kontinuität und Wandel im deutschen Sozialmodell

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2003; 368 S.; kart., 34,90 €; ISBN 3-593-37376-9
Habilitationsschrift Göttingen. - Was Reformfähigkeit und -bereitschaft betrifft, muss Deutschland im internationalen Vergleich offensichtlich mit dem Etikett der „blockierten", über keine Problemlösungsfähigkeiten mehr verfügenden Gesellschaft leben. Gegen dieses - im wissenschaftlichen wie im politischen Diskurs gleichermaßen gepflegte - Stereotyp der deutschen Reformunfähigkeit setzt Lessenich seine These des „dynamischen Immobilismus", also die Behauptung, „dass die Rede von der gesellschaftlichen Unbeweglichkeit einen breit angelegten Prozess schleichenden sozialen Wandels ignoriert, der auf die inhärente - in gewisser Hinsicht ‚konservative' - Dynamik des deutschen Sozialmodells verweist" (15). Der Autor entwickelt diese These in drei Schritten. In konzeptioneller Hinsicht geht es zunächst um einen Begriff von Institutionen, der statische und dynamische Aspekte verbindet. Institutionen werden als Instanzen und Instrumente zur politischen Regulierung sozialer Beziehungen und der Spezifizierung des deutschen Sozialmodells in einer Perspektive gesehen, die „varieties of capitalism" vergleicht (63 ff.). Anschließend wird in historisch-soziologischen Skizzen das Ensemble von sechs Basisinstitutionen des deutschen Sozialmodells rekonstruiert, als deren Gemeinsamkeit der Autor ihre „strukturelle Ambivalenz" herausstellt (21). Den empirischen Beleg der Anpassungsfähigkeit des Institutionengefüges gerade im Vereinigungsjahrzehnt bieten dann zwei Fallstudien: zur Einführung der Pflegeversicherung einerseits und zur Entwicklung des Flächentarifvertrags andererseits. Gängige Interpretationen gegen den Strich lesend gelingt es dem Autor deutlich zu machen, dass jener vermeintliche Immobilismus des deutschen Modells "umgekehrt geradezu als konstitutive Voraussetzung für die effektive Wandlungsfähigkeit desselben betrachtet werden kann" (22, 291 ff.).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.352.342 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Stephan Lessenich: Dynamischer Immobilismus. Frankfurt a. M./New York: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19734-dynamischer-immobilismus_22968, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 22968 Rezension drucken
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