/ 21.06.2013
Annette Weinke
Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Die Geschichte der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1958-2008
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart 13); 224 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-534-21950-6Wie umkämpft die Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe in der Bundesrepublik Deutschland war, zeigt sich nicht zuletzt am Umgang der Justiz mit den Gewaltverbrechen des NS-Staates. Die Geschichte entsprechender Strafverfolgung ist seit der Gründung der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen“ im Jahre 1958 eng mit der Arbeit dieser Behörde verbunden. Die Historikerin Weinke zeichnet in sechs Kapiteln die Tätigkeit dieser Einrichtung bis zu ihrer teilweisen Überführung in das Bundesarchiv im Jahre 2008 nach. Die Gründung der Ermittlungszentrale ist das Ergebnis einer „kriminalpolitischen Wende“, die der sogenannte „Ulmer Einsatzgruppenprozess“ eingeleitet hatte. In diesem Prozess waren zum ersten Mal umfangreiche historische Quellen für die Beweisführung herangezogen worden. Noch während des Prozesses und befördert durch weitere zeitgeschichtliche Ereignisse – wie etwa das Untertauchen zweier wegen KZ-Verbrechen Beschuldigter – wurde gegen Widerstände und mit „Geburtsfehlern“ behaftet die Einrichtung der Behörde auf den Weg gebracht. Die am Anfang umstrittene Zentralstelle koordinierte und beförderte strafrechtliche Ermittlungsverfahren und leistete so auch einen wichtigen Beitrag zu einer wachsenden Sensibilisierung der Öffentlichkeit für diese Problematik. Durch die Sammlung von Dokumenten unterschiedlichster Provenienz ist die Behörde mit den Jahren zum größten bundesdeutschen Archiv für die NS-Verbrechen geworden. Indem Weinke detailliert auf die zeitgenössischen Debatten, rechtspolitischen Kontroversen und auf einzelne Verfahren eingeht, liefert sie mit ihrer Darstellung nicht nur bloße Institutionsgeschichte, sondern legt darüber hinaus einen Beitrag zur Geschichte der politischen Kultur und den geschichtspolitischen Kontroversen der (alten) Bundesrepublik vor. Während die Darstellung der Jahre 1958 bis 1970 gut 130 Seiten füllt, wird die weitere Entwicklung bis 2008 auf nicht einmal 30 Seiten abgehandelt. Ein zusammenfassendes Fazit und ein Sachregister hätte man sich gewünscht. Ob der Titel der Arbeit gut gewählt ist, erscheint fraglich.
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.35 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: Annette Weinke: Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Darmstadt: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29939-eine-gesellschaft-ermittelt-gegen-sich-selbst_35478, veröffentlicht am 31.03.2009.
Buch-Nr.: 35478
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Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
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