/ 21.06.2013
Anne von Oswald / Andrea Schmelz / Tanja Lenuweit (Hrsg.)
Erinnerung in Kultur und Kunst. Reflexionen über Krieg, Flucht und Vertreibung in Europa
Bielefeld: transcript Verlag 2009; 245 S.; 27,80 €; ISBN 978-3-8376-1202-8Mit dem Ende der deutschen und europäischen Teilung 1989/90 ergeben sich in Europa neue Herausforderungen und Chancen für den Umgang mit Vergangenheit, lautet die grundsätzliche These. Die Autoren befassen sich vergleichend mit Erinnerungsdiskursen in Tschechien, Polen, Deutschland und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Die Zusammenführung der Perspektiven von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern soll „eine pluralistische Erinnerungskultur“ (10) ermöglichen. Die zentralen Fragen sind dabei, was Kunst im Erinnerungsprozess leisten kann und inwieweit Erinnerung als Machtinstrument genutzt wird. Daniel Suber untersucht anhand von Graffiti und Street-Art die politische Ikonografie im Nachkriegsserbien. Ein erstes interessantes Ergebnis ist, dass die serbische Bevölkerung nicht geschlossen hinter Milošević gestanden habe. Vielmehr sei die Gesellschaft in zwei Lager gespalten gewesen. Anhand der visuellen Selbstbeschreibungen lasse sich eine semiotische Auseinandersetzung pro-europäischer und radikalnationalistischer Kräfte beobachten. Zur Alltagseinstellung in Serbien hält Suber fest, es zeige sich „deutlich ein distanziert-negativistisches Gesellschaftsverständnis“. Insofern stehe das „soziologische Stimmungsbarometer eher auf ‚Sturm’ denn auf ‚Entspannung’“ (161). Matej Spurny untersucht die Erinnerung an Flucht und Vertreibung im deutsch-tschechischen Vergleich. Die tschechische Erinnerung an die Nachkriegszeit sei vor allem durch das Spannungsfeld von Selbstviktimisierung, Tabuisierung und langsamer Pluralisierung im Geschichtsdiskurs in den 80er-Jahren geprägt, so Spuny. Es seien nun auch die problematischen Aspekte der Vertreibung thematisiert worden, sodass die sich in der individuellen Erinnerung einstellenden Widersprüche „häufig mit einer gewissen erzählerischen Selbstverteidigung“ (178) einhergingen. Der Band basiert auf den Ergebnissen des interdisziplinär ausgerichteten Projekts „Memory, Culture and Art“ und ging aus einem internationalen Dialogprojekt zwischen Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern in den Jahren 2008 und 2009 hervor.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 | 2.61 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Anne von Oswald / Andrea Schmelz / Tanja Lenuweit (Hrsg.): Erinnerung in Kultur und Kunst. Bielefeld: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31843-erinnerung-in-kultur-und-kunst_37967, veröffentlicht am 16.03.2010.
Buch-Nr.: 37967
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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