/ 04.06.2013
Philippe Despoix
Ethiken der Entzauberung. Zum Verhältnis von ästhetischer, ethischer und politischer Sphäre am Anfang des 20. Jahrhunderts
Bodenheim: Philo Verlagsgesellschaft 1998 (Kulturwissenschaftliche Studien 2); 252 S.; kart., 48,- DM; ISBN 3-8257-0070-4Die Schrift ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung der 1995 in Frankreich veröffentlichten Monographie "Ethiques du désenchantement" und geht auf einzelne Studien zurück, die zwischen 1987 und 1992 an der Freien Universität Berlin entstanden sind. Despoix unternimmt einen Querschnitt durch eine Reihe theoretischer Werke vom Anfang des 20. Jahrhunderts, um eine Denktypologie des Verhältnisses von ästhetischer, ethischer und politischer Sphäre in den ersten Debatten über Modernität im deutschsprachigen Raum zu entwerfen. Die Figuren im Mittelpunkt der Studien - Max Weber, Gustav Landauer, Leó Popper, Georg Lukács und Siegfried Kracauer - entwickeln laut Despoix voneinander abweichende, singuläre Antworten auf eine analoge Problemlage: die Entzauberung der modernen Welt, die Abwesenheit Gottes, den Mangel an absoluten Gewißheiten. Im Anschluß an Max Weber macht Despoix drei idealtypische Antworten auf den Tod Gottes in der abendländischen Geschichte aus: Beim jungen Lukács scheine ein reiner Diskurs des Ethischen auf, bei Weber hingegen einer des radikalen skeptischen Wissens, ferner die verschiedenen Facetten ästhetischer Diskurse bei Landauer, Popper und Kracauer. Das mögliche Festhalten am Glauben trotz des Verlusts metaphysischer Gewißheiten bezeichnet der Autor als "gnostische" Lösung. So verspreche sich Lukács von religiöser Ethik die Erneuerung künstlerischer und literarischer Formen. Den Verlust als irreversiblen Mangel zu ertragen und in die Möglichkeit von Erkenntnis zu transformieren, bezeichnet Despoix als "skeptische" Lösung. Von religiösen Erneuerungsversuchen oder zeitgenössischen ästhetischen Werten lasse sich keine "universelle" Norm ableiten, so sei Webers Plädoyer der Tugend einer unbedingten "Sachlichkeit" zu verstehen. Schließlich bleibt als drittes die Möglichkeit des "Panästhetismus", d. h. den Verlust göttlicher Gewißheiten in "ästhetischer" Form zu verarbeiten.
Die einzelnen Konfigurationen skeptischer, gnostischer und panästhetischer Art seien komplementär aufeinander bezogen und erhellten sich in diesem konstruierten Gefüge von Oppositionen gegenseitig. Despoixs Studien beschränken sich dabei nicht auf eine bloße "Hermeneutik" der einzelnen Werke, sondern versuchen zugleich deren "theoretische Topographien" zu skizzieren, d.h. den jeweiligen Produktionsort und das intellektuelle Milieu, das ihren kulturellen Kontext bildet. Die Verbindung von "theoretischer Biographie" und "historischer Diskursanalyse" nimmt dabei das Risiko einer methodologischen Spannung bewußt in Kauf.
Die dargestellten Positionen verbinden sich auf einzigartige Weise alle im Werk der Kritischen Theorie, insbesondere in der "Dialektik der Aufklärung". Despoix ist es ein zentrales Anliegen, aufzuzeigen, daß die dargestellten intellektuellen Figurationen seiner fünf Protagonisten dennoch zugleich den Rahmen der negativen Geschichtsphilosophie der Kritischen Theorie überschreiten und sogar in Frage stellen.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Philippe Despoix: Ethiken der Entzauberung. Bodenheim: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4404-ethiken-der-entzauberung_6187, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6187
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Dr., Historikerin.
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