/ 22.06.2013
Roland Marti / Henri Vogt (Hrsg.)
Europa zwischen Fiktion und Realpolitik/L'Europe – fictions et réalités politiques
Bielefeld: transcript Verlag 2010 (Frankreich-Forum 9); 317 S.; 30,80 €; ISBN 978-3-8376-1420-6„Si c’était à refaire, je commencerais par la culture.“ – Es sei umstritten, ob Jean Monnet diese Äußerung tatsächlich gemacht habe. Jedenfalls verdeutliche sie, dass die kulturelle Dimension des europäischen Integrationsprozesses bisher zu sehr zugunsten der ökonomischen vernachlässigt worden sei, schreiben die Herausgeber im Vorwort. Das kulturelle Verständnis von Europa bleibe zumeist unscharf, obwohl immer wieder auf europäische kulturelle Gemeinsamkeiten verwiesen werde. In diesem Sammelband, der auf zwei Konferenzen im Juni 2008 und im Januar 2009 basiert, werden sowohl kulturelle als auch politische Aspekte betrachtet. Im ersten Fall geht es um die Wurzeln der europäischen kulturellen Traditionen und um ihre heutige Ausprägung in zwei Bereichen: der Philosophie und der Musik (Ulrich Nortmann, Christoph Flamm). Im zweiten Fall wird aus verschiedenen Perspektiven untersucht, wie einzelne Nationalstaaten mit der Idee und der Wirklichkeit des Prozesses der europäischen Einigung umgehen, wie er in der EU zum Ausdruck kommt. Den Ausgangspunkt bilden dabei die beiden Staaten Deutschland und Frankreich, die als Motoren des Integrationsprozesses gelten. Für Erfolge in Europa sei bisher die „konstruktive Zusammenarbeit“ (152) zwischen Deutschen und Franzosen unabdingbar gewesen. Dass die Leistung dieses Motors abnehme und die Frustration über die Zukunft nach drei negativen Referenden in Frankreich nicht mehr zu übersehen sei, beschreiben Hans Wassmund und Claire Demesmay. Als bewusster Kontrast dazu wird die Situation der osteuropäischen Länder thematisiert, deren EU-Beitritt eine Verschiebung der Gewichte bewirkt habe – nicht allein in geografischer Hinsicht, sondern auch bezüglich der Hoffnungen, Befürchtungen und Erwartungen, welche ihre Bürger in Europa setzten, wie Henri Vogt und Matthieu Chillaud zeigen. „Die Europaerwartungen der ehemaligen kommunistischen Bürger hatten viel mit Fiktion zu tun, sie waren oft einfach zu hoch im Vergleich zu den realpolitischen Anforderungen.“ (176) Schließlich beschreibt Frank Wilhelm die historische und politische Entwicklung Luxemburgs – einem Land, dessen Bevölkerung aufgrund der Existenz vieler europäischer Institutionen heterogener werde und die Luxemburger zwinge, ihre Identität „immer wieder neu zu definieren“ (207).
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 3.1 | 2.61 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Roland Marti / Henri Vogt (Hrsg.): Europa zwischen Fiktion und Realpolitik/L'Europe – fictions et réalités politiques Bielefeld: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32198-europa-zwischen-fiktion-und-realpolitikleurope--fictions-et-ralits-politiques_38406, veröffentlicht am 25.01.2011.
Buch-Nr.: 38406
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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