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/ 20.06.2013
Ulrich Haltern

Europarecht und das Politische

Tübingen: Mohr Siebeck 2005 (Jus Publicum 136); XIV, 636 S.; Ln., 114,- €; ISBN 3-16-148704-4
Ein Raunen geht durch Europa, denn die Mytophanten sind zurückgekehrt. Aus den Urnebeln vergangener Gründungsakte erheben sie sich schwankend und fordern eine mythosgesättigte Imagination des Politischen, die den vernarbten Volkskörpern der europäischen Nationalstaaten abzulesen ist. Denn es sind diese in Gründungsakten geschundenen Körper, die dort erbrachten Opfer, die aufbegehren gegen das apolitische liberale Projekt der Europäischen Union. Wie in alten Zombiefilmen begehren sie als Wiedergänger auf gegen das Vergessen, dem sie in der Moderne anheim gegeben wurden und wollen geschaut werden. Gebannt blickt man mit Haltern durch die kulturwissenschaftliche Brille auf das Recht und erschaudert, denn nun wird einem der Blick auf das Politische und damit eine Ahnung vom Allerheiligsten zuteil, das allerdings verhüllt bleibt und bleiben muss. Denn auch das Recht ist nur eine Erscheinung, genauer: ein Glaubenssystem, ein Bündel von Glaubenssätzen. Damit wird Recht primär in der „Erlebniswelt der jeweiligen Glaubensgemeinschaft“ (11) ablesbar, und das geeignete Medium für diese Lektüre ist das kulturwissenschaftlich camouflierte Hochamt. Und da Clifford Geertz immer herhalten muss, wenn man methodologisch auf schwankendem Grund steht, gerät krypthotheologisches Schwadronieren flugs zur „dichten Beschreibung“ (16). Ja, so wird man auch methodisch zum Peregrinus, dem Haltern’schen Sinnbild totaler Entwurzelung in einer wiederum total entwurzelten civitas peregrina namens Europa. Doch siehe, eine feste Burg ist unser Staat - denn wenn „die Möglichkeit der Sinnbefriedigung durch Transsubstantiation“ dem Peregrinus in der europäischen Gemeinschaft nicht zuteil wird, erlangt er diese doch im Nationalstaat (539 f.). Hier, im ästhetischen und politisch-religiösen Remedium eines corpus mysticum, kann der entkräftete Wanderer sein ermattetes Haupt zur Ruhe betten. Requiescat in pacem.
Roland Lhotta (RL)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.15.44 Empfohlene Zitierweise: Roland Lhotta, Rezension zu: Ulrich Haltern: Europarecht und das Politische Tübingen: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24501-europarecht-und-das-politische_28296, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28296 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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