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/ 23.10.2014
Harald G. Teßmer

Governancistische Demokratie. Zur Balance von Vollmacht und Misstrauen im heutigen Europa

Berlin: Lit 2012 (Politische Theorie 22); 308 S.; brosch., 34,90 €; ISBN 978-3-643-11837-0
Diss. Hamburg; Begutachtung: M. T. Greven. – Das politische System der EU ist mit seinem komplexen Zusammenhang verschiedener Akteure, Institutionen und Ebenen eine Herausforderung für die Anwendung politischer Theorien, so auch der Demokratietheorie. Wie eine für das System der EU passende Demokratietheorie aussehen könnte, ist Gegenstand von Teßmers Dissertation. Nach einer einführenden Begriffsklärung seines Demokratieverständnisses zeigt er, wie sowohl die Europäisierung als auch die Hinwendung zu Governance‑Ansätzen die analoge Anwendung herkömmlicher Demokratietheorien erschweren. Als Gegenentwurf stellt er fest, dass Demokratie unabhängig vom politischen System aus einer Balance von Vollmacht und Misstrauen besteht. In der weiteren Analyse stellt Teßmer heraus, dass durch ein tendenziell unpolitisches und technokratisches Verständnis von Governance gerade der Aspekt des Misstrauens in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise hinter eine zunehmende, dabei aber immer schwerer lokalisierbare Vollmacht zurückgetreten ist. Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der Akzeptanz der Zivilgesellschaft als legitimen politischen Akteur, was nach Teßmer stets das demokratische Prinzip der politischen Gleichheit aller Bürger_innen zu unterlaufen droht. Kombiniert mit einer zunehmenden Apathie und Gleichgültigkeit in der Bevölkerung, sieht Teßmer das Potenzial für eine weitere Kluft zwischen Regierenden und Regierten, denn „[e]ine professionell losgelöste politische Klasse von Parteipolitikern ist alles andere als eine angemessene Repräsentationsform staatsbürgerlichen und auf Freiheit und Gleichheit basierenden Misstrauens" (244). Die Arbeit liefert somit eine wichtige kritische Betrachtung der als zeitgemäß wahrgenommenen Governance‑Idee, die politische Effizienz und Zielerfüllung unter Umständen höher wertet als eine politische Auseinandersetzung zwischen Ideen, die letztendlich über eine Entscheidung der Bürger_innen – oder ihrer Repräsentant_innen – abgeschlossen wird. Und auch wenn die Arbeit selbst keine empirischen Beispiele anführt, sind die vorgestellten Ideen anschlussfähig für jede kritische Untersuchung aktueller europäischer Politikarrangements.
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Rubrizierung: 5.413.1 Empfohlene Zitierweise: Max Lüggert, Rezension zu: Harald G. Teßmer: Governancistische Demokratie. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37688-governancistische-demokratie_43336, veröffentlicht am 23.10.2014. Buch-Nr.: 43336 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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