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/ 04.06.2013
Noam Chomsky

Haben und Nichthaben. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Schiffmann

Bodenheim: Philo Verlagsgesellschaft 1998; VI, 211 S.; kart., 34,- DM; ISBN 3-8257-0065-8
Der amerikanische Linguist Chomsky gehört zu den wenigen, die sowohl in der wissenschaftlichen Expertenkultur als auch in der politischen Öffentlichkeit über hohes Ansehen verfügen. Die Rolle des auf sein Fachgebiet beschränkten Spezialisten hat seinem Verständnis eines verantwortlichen Intellektuellen nie entsprochen. Davon zeugt sein Engagement gegen den Vietnam-Krieg in den 60er Jahren ebenso wie seine Parteinahme für die Länder der Dritten gegenüber der Ersten Welt in den 70er und 80er Jahren. Der vorliegende Band dokumentiert in Gestalt von sechs längeren Interviews, die der Journalist David Barsamian mit dem Autor führte, Chomskys publizistische Aktivitäten in den 90ern. Im Zentrum seiner Überlegungen stehen jetzt die sozialen Folgen eines exorbitanten Wachstums von Finanzkapital, das sich in seiner spekulativen Ausrichtung politischer Kontrolle mehr und mehr entzieht (43 ff., 114 ff.). Chomsky interpretiert - vorwiegend anhand US-amerikanischer Beispiele - diese Vorgänge als Belege eines auch staatlich abgesicherten "Rollbacks", der, rhetorisch mit Argumenten des Neoliberalismus getarnt, die Sozialstruktur des frühen 19. Jahrhunderts wiederherstellen will (13 ff.). Die gezielte Verarmung der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung, wobei die erhebliche Kinderarmut nur einen besonders krassen Fall darstellt (34 ff.), hat auf die politisch-soziale Kohäsion des Landes eine verheerende Wirkung. "In mancher Hinsicht erweckt die Szenerie denselben Eindruck wie eine verwüstete Bauerngesellschaft, nachdem eine Seuche über sie hinweggegangen oder eine Armee durch sie hindurchmarschiert ist" (131). Gemessen an diesen Effekten sind für Chomsky die "großen Kapitalgesellschaften [...] genauso totalitär wie der Bolschewismus und der Faschismus" (185). Die Zerstörung der Zivilgesellschaft sei teils an "protofaschistischen" Strömungen vom Schlage der "Gingrichrepublikaner" ablesbar, die sich vornehmlich gegen Einwanderer richten (181 ff.), teils äußere sie sich in der manifesten Gewaltbereitschaft jener paramilitärischen Milizen, die ihre Wut gegen die Bundesregierung richten (102 ff., 124 f.). Aber trotz dieser düsteren Diagnosen wirkt Chomskys Sprache an keiner Stelle zynisch - davor schützt ihn vermutlich seine Überzeugung, man könnte auch heute noch an den basisdemokratischen "Hauptstrom der amerikanischen Tradition" anknüpfen (185 f.). Inhalt: Blick nach vorn; Rollback; Geschichte und Erinnerung; Die US-Zentralbank; Nimm den Bedürftigen und gib den Gierigen; Israel.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.2622.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Noam Chomsky: Haben und Nichthaben. Bodenheim: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4403-haben-und-nichthaben_6186, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6186 Rezension drucken
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