/ 15.01.2015
Andrea Sinn
Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik
Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (Jüdische Religion, Geschichte und Kultur 21); 400 S.; 59,99 €; ISBN 978-3-525-57031-9Geschichtswiss. Diss. München; Begutachtung: M. Brenner, H. G. Hockerts. – Die „Geschichte der Anfänge der Formierung und der Institutionalisierung“ (11) der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik erzählt Andrea Sinn transparent strukturiert mit Blick auf Akteure, Institutionen und Politik – wobei diese drei Perspektiven konzentriert sind auf den Herausgeber Karl Marx und seine Zeitung „Jüdische Allgemeine“ sowie auf Hendrik G. van Dam und den Zentralrat der Juden in Deutschland, dessen Vorsitzender er von der Gründung bis zu seinem Tod 1973 war. Marx und van Dam verbanden ähnliche Biografien, sie waren als Emigranten nach Kriegsende in die britische Besatzungszone zurückgekehrt. Marx wurde sogleich zusammen mit seiner Frau Lilli publizistisch aktiv, der Jurist van Dam begann zunächst, in Oldenburg das deutsche Gerichtswesen zu reorganisieren. Beide verband in ihrem weiteren Engagement das Bemühen, für die in Deutschland lebenden Juden – einheimische wie osteuropäische, die nach dem Krieg als Displaced Persons im Land geblieben waren (leider fehlt im Buch ein entsprechendes Porträt) – eine innere Einheit der Gemeinschaft zu schaffen und außerdem ihre Anerkennung in der Bundesrepublik zu verwirklichen. Die dafür notwendige Institutionalisierung des jüdischen Lebens war, wie die Autorin beschreibt, geprägt von der Frage des Gehens (vor allem nach Israel) oder des Bleibens – und die, die blieben, standen vor der Aufgabe, trotz unterschiedlicher Herkunft zusammenzufinden. Dahinter war vor allem der Anspruch zu erkennen, als jüdische Bürger in der Frage der Wiedergutmachung und Anerkennung geschlossen aufzutreten. Sinn erläutert, wie der Publizist Marx deshalb die Nähe der Bundesregierung suchte und als Vermittler auftrat, während van Dam Distanz wahrte, um so die Interessen der Gemeinschaft durchzusetzen. Die Schwierigkeiten, mit denen dieser Selbstfindungs‑ und Institutionalisierungsprozess im Einzelnen konfrontiert war, schildert die Autorin vor allem am Geschehen in Bayern: Dort wurde dem Präsidenten des Landesentschädigungsamtes Philipp Auerbach unter antisemitischen Vorzeichen der Prozess gemacht, nach seiner Verurteilung, die er als ungerechtfertigt bezeichnete, verübte er, dem ausreichend Rückhalt in der Gemeinschaft fehlte, Suizid. Außerdem wehrte sich die jüdische Gemeinschaft dort zunächst, den osteuropäischen Juden das volle Stimmrecht zu gewähren. Es dauerte einige Jahre, so der Gesamteindruck, bis die jüdische Gemeinschaft zu sich gefunden hatte.
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Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.333 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Andrea Sinn: Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik Göttingen u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37964-juedische-politik-und-presse-in-der-fruehen-bundesrepublik_45615, veröffentlicht am 15.01.2015. Buch-Nr.: 45615 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA