Skip to main content
/ 18.06.2013
Hermann Schreiber

Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat

München: Econ 2003; 272 S.; 22,- €; ISBN 3-430-18054-6
Guillaume gelingt unbehelligt eine Übersiedlung in den Westen, obwohl er in der Bundesrepublik längst als DDR-Geheimdienstler aktenkundig ist - mit diesem „Bilderbuchfall bürokratischer Ignoranz" (34) beginnt Schreiber seine Schilderung der Ereignisse, die mit dem Rücktritt Brandts verknüpft sind. Schreiber, damals „Spiegel"-Redakteur, gelang es vor fast dreißig Jahren nicht, diese Geschichte aufzuschreiben - Brandt habe nicht sofort darüber reden wollen. 2003 aber beriet Schreiber den Regisseur Storz bei der Fernsehproduktion „Im Schatten der Macht". Mittlerweile meine er, so Schreiber, dass man „dieses Geschehen aus dem Abstand von fast drei Jahrzehnten nicht nur besser beurteilen, sondern auch besser erzählen kann als aus der Nähe des Miterlebens" (17). Schreiber schildert Guillaume „als einen Mann mit zwei Loyalitäten" (15), der Brandt verehrt und bespitzelt habe. Seine Karriere, die ihn in die unmittelbare Nähe Brandts führte, sei von seinen Auftraggebern überhaupt nicht angestrebt worden. Brandt wird charakterisiert als „eine hoch geachtete, geradezu isolierte Autorität" (52), wenngleich ihm nicht gelungen sei, aus seinem Kabinett ein Team zu machen. Schnörkellos beschreibt der Autor, dass Brandt, der unter Depressionen litt, nicht über den eher mittelmäßigen Spion Guillaume stolperte, sondern der Schwierigkeiten des politischen Geschäfts schon kurz nach seinem Wahlerfolg 1972 überdrüssig wurde. Brandt hatte schon alles erreicht: Er war vom „verunglimpften Emigranten zur nationalen Vaterfigur" (84) geworden, seine Ostpolitik war mit der Wahl abgesegnet - „der Rest ist Verwaltung" (84). Schreiber schildert anschaulich die über Monate dauernde Enttarnung Guillaumes und deren Folgen. Zu ihnen gehörten die Diskussionen über eine mögliche Erpressbarkeit Brandts, die sowohl aus diesem Spionagefall als auch aus seinen privaten Affären resultieren könnte. Insgesamt ist dem Journalisten eine sehr anschauliche Darstellung der Affäre Guillaume und der persönlichen Aspekte der Amtszeit des Bundeskanzlers Brandt gelungen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.3312.322 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hermann Schreiber: Kanzlersturz. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20287-kanzlersturz_23640, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 23640 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA