/ 19.06.2013
Philipp Gassert
Kurt Georg Kiesinger. 1904-1988. Kanzler zwischen den Zeiten
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2006; 895 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-421-05824-9Geschichtswiss. Habilitationsschrift Heidelberg; Gutachter: D. Junker, E. Wolgast. – Kurz nach Kiesingers 100. Geburtstag und dem zweiten Regierungsantritt einer Großen Koalition in der Bundesrepublik veröffentlicht Gassert seine Biografie des baden-württembergischen Ministerpräsidenten und dritten deutschen Bundeskanzlers. Umfangreich stellt er darin den Lebensweg Kiesingers von seiner schwäbischen Kindheit und Jugend an dar. Dabei arbeitet er die schon in frühen Lebensstationen prägenden Elemente heraus: sei es seine später so oft angeführte ausgleichende Rolle, sei es seine Sozialisation als „evangelischer Katholik“, der trotz seines typischen katholischen Lebenslaufs nie zu einer tiefen Verankerung im katholischen Milieu gefunden hat. Einen umfangreichen Teil widmet Gassert auch Kiesingers Weg durch die NS-Zeit, von seinem Eintritt in die NSDAP 1933 bis zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Er schildert ungeschminkt die Fehleinschätzungen Kiesingers, der in rechtskatholischer Tendenz den Nationalsozialismus zu zähmen können glaubte. Gassert widerlegt vor allem aber die Thesen vom „führenden Nazi-Propagandisten“, mit denen der Bundeskanzler in seiner Regierungszeit konfrontiert wurde. Die Arbeit besticht sowohl durch ihre Detailtreue als auch durch die ausgeglichene Darstellung. Kiesingers Tätigkeiten als Außenpolitiker im Bundestag, als Ministerpräsident und Bundeskanzler werden präzise darstellt und dabei wird z. B. Kiesingers Rolle als konservativer Reformer in Baden-Württemberg betont. Neben diesen viel beachteten Aspekten hebt Gassert auch Kiesingers bisher wenig gewürdigte Bedeutung als Rechtspolitiker hervor. Die Bilanz seiner Arbeit zieht Gassert in Form von 25 Thesen über Kiesinger. Dessen Lebensweg spiegele „die Erfolgsgeschichte des westdeutschen Teilstaates in seiner atlantischen und europäischen Prägung, dessen demokratischer Durchbruch eben nur vor dem Hintergrund der Anpassungsfähigkeit der gebrannten Kinder der Epoche vor 1945 verstanden werden kann“ (757). Für die Kiesinger-Forschung ist mit Gasserts Schrift ein Standardwerk erschienen.
Matthias Belafi (BEL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Matthias Belafi, Rezension zu: Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger. Stuttgart: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20851-kurt-georg-kiesinger_24315, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 24315
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M. A., Politikwissenschaftler.
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