/ 18.06.2013
Hans-Peter Hempel
Machbarkeitswahn und Daseinsgefräßigkeit im Biotechnischen Zeitalter
Berlin: Philo Verlagsgesellschaft 2003; 182 S.; kart., 19,90 €; ISBN 3-8257-0269-3Die Erkenntnisfortschritte in der Reproduktionsmedizin, der Biotechnologie und in den so genannten „Life Sciences" beschleunigen sich; gezielte Eingriffe in die menschlichen Erbanlagen, das oft zitierte Designerbaby und vieles mehr sind keine unrealistischen Zukunftsszenarien mehr. Die Appelle in den Sonntagsreden nicht nur der Politiker, in denen hilflos-verzweifelt die Unantastbarkeit der menschlichen Würde beschworen wird, sind sicherlich nicht geeignet, diese immer rasendere und vielleicht schon eigendynamische Entwicklung zu stoppen. Denn solche ethisch-moralischen Selbstbeschränkungen der Forschung lösen letztlich nicht das dieser Forschung zugrunde liegende Denken auf, sondern versuchen, mehr oder weniger „künstliche" Barrieren innerhalb dieses Systems zu errichten. Letztlich werden sie auch aufgrund der inhärenten Logik dieses Denkens einfach nur davon gespült. Dagegen ließe sich ein anderer Zugang zur Welt setzen; erst dieser könnte das derzeit dominierende naturwissenschaftlich-technische Weltverständnis begrenzen und damit möglicherweise kontrollieren. Hier empfiehlt der Autor die Erfahrung der Vieldimensionalität des Lebens (101); dessen „Fülle und damit [sic!] auch Sinnhaftigkeit wieder erfahren" werden soll, „wenn wir uns dem ständigen Versuch widersetzen, das Leben in Einzelbestandteile, in Schubkästen einzuordnen" (103). Als Methode der Wahl empfiehlt der Autor die Meditation: „Wenn wir aber anfangen, uns selbst erst einmal auf dem Weg der Selbstbesinnung bzw. der Meditation wahrzunehmen, beginnen wir auch die Wirklichkeit, in der wir leben, endlich wieder wahr-zu-nehmen" (162). Doch was der Autor in diesem letztlich mehr oder weniger dualistischen Verständnis konkurrierender Weltzugänge nicht bedenkt, ist deren wechselseitige Verklammerung, die es uns eben nicht erlaubt, quasi zwischen ihnen hin- und herzuwechseln, sondern in der vielmehr die eine die Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung der anderen ist.
Silke Becker (BE)
Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Silke Becker, Rezension zu: Hans-Peter Hempel: Machbarkeitswahn und Daseinsgefräßigkeit im Biotechnischen Zeitalter Berlin: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17376-machbarkeitswahn-und-daseinsgefraessigkeit-im-biotechnischen-zeitalter_20006, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20006
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Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
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