/ 10.07.2013
Manuel Seitenbecher
Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung?
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2013; 557 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-506-77704-1Geschichtswiss. Diss. Potsdam; Begutachtung: M. Görtemaker, T. Brechenmacher. –Im Zentrum der Betrachtungen stehen die Lebensläufe derer, die nach 1968 von Links‑ nach Rechtsaußen konvertierten – entweder direkt oder auf (politisch moderaten) Umwegen. Das „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm, siehe Buch‑Nr. 437) spiegele sich nicht allein in den Erfahrungen von Staaten wider, sondern ebenso in den Biografien Einzelner, so Manuel Seitenbecher. An sechs Beispielen, Horst Mahler, Tilman Fichter, Günter Maschke, Reinhold Oberlercher und Bernd Rabehl, geht er der Frage nach, warum diese Menschen den Wandel von „68ern“ zu „rechten Denkern“ vollzogen haben – ja, ob es überhaupt ein Wandel gewesen sei. Das prägnanteste Beispiel ist sicher Horst Mahler, der einst Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund war und nun die NPD aufgrund ihrer Laschheit ablehnt. Der Autor widmet sich den wichtigsten Etappen der dargestellten Karriereverläufe in chronologischer Reihenfolge, um ideologische Konstanten und Variablen sowie retrospektive Vereinnahmungen aufzuspüren. Die fünf Protagonisten sind zweifellos die Ausnahmen einer Kohorte. Zu keinem Zeitpunkt unterliegt der Autor der Versuchung, sie über diesen Status hinauszuheben; und auch sonst verweist er mehr auf Trennendes denn Gemeinsames: Allenfalls Reinhold Oberlercher und Horst Mahler ließen Ähnlichkeiten erkennen: sei es die Vorgeschichte beim SDS, die spätere „völkisch‑rassistische Reichsgläubigkeit“ (386) einschließlich eines ausgeprägten Judenhasses oder die den Ideologiewechsel überdauernde Anhängerschaft an Hegel und Marx. Insgesamt seien die Lebensläufe, die aktuellen ideologischen Ausrichtungen und die Gründe für den Sprung nach Rechtsaußen allesamt höchst unterschiedlich – sieht man vom Motiv der „Enttäuschung über einstige Ideale“ (388) der „68er“ ab. Tilman Fichter falle ohnehin aus der Reihe der Genannten, weil er zu keinem Zeitpunkt radikal oder extremistisch gewesen sei. Leider adressiert Seitenbecher die sich geradezu aufdrängende Frage nicht, welche generellen Ursachen für die ideologischen Seitensprünge verantwortlich sein könnten, handelt es sich doch um eine klaffende Lücke in der Extremismusforschung.
Tom Mannewitz (MAN)
Dr., Politikwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.35 | 2.37
Empfohlene Zitierweise: Tom Mannewitz, Rezension zu: Manuel Seitenbecher: Mahler, Maschke & Co. Paderborn u. a.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35937-mahler-maschke--co_43727, veröffentlicht am 14.07.2013.
Buch-Nr.: 43727
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Dr., Politikwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Chemnitz.
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