/ 04.06.2015
Frank Nullmeier / Dominika Biegoń / Jennifer Gronau / Sebastian Haunss / Falk Lenke / Henning Schmidtke / Steffen Schneider
Marktwirtschaft in der Legitimationskrise? Ein internationaler Vergleich
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 253 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-593-50209-0Die empirische Legitimationsforschung im Kontext der Politikwissenschaft beruht überwiegend auf Einstellungserhebungen zur Akzeptanz politischer Systeme. Diese Studie – entstanden im DFG‑geförderten Sonderforschungsbereich „Staatlichkeit im Wandel“ der Universität Bremen – unterscheidet sich hiervon mit guten Gründen sowohl theoretisch wie methodologisch. Ausgehend von der plausiblen Prämisse der Legitimationsbedürftigkeit von Marktökonomien befasst sich die Untersuchung empirisch mit der Legitimation der heutigen ökonomischen Ordnung. Diese Leitfrage wird unter zwei konzeptionellen Aspekten konkretisiert. Zum einen geht es nicht um individuelle Legitimationsüberzeugungen, sondern um die in diskursiven Öffentlichkeiten geführten Debatten über die Anerkennungswürdigkeit von Kapitalismus und Marktwirtschaft. Zum anderen werden die entsprechenden Debatten in vier etablierten Demokratien (Deutschland, Großbritannien, USA, Schweiz) zwischen 1998 bis 2011 – und damit auch mögliche Auswirkungen der Finanzmarktkrise einfangend – vergleichend analysiert. Dem empirischen Teil ist eine anregende Typologie vorangestellt, die mögliche Rechtfertigungen beziehungsweise Kritiken der Marktökonomie differenziert nach klassischen, den Zusammenhang von Marktfreiheit und Wohlstandssteigerung betonenden Legitimationsmustern und nichtklassischen, die sich auf kulturell‑moralische Argumente beziehen. Die Untersuchung beruht auf einem anspruchsvollen, Längs‑ und Querschnittsvergleiche ermöglichendem Forschungsdesign. Die empirische Basis bilden insgesamt 1.026 Zeitungsartikel; ausgewählt worden sind pro Land zwei meinungsführende, jeweils in der Mitte‑Links beziehungsweise Mitte‑Rechts einzustufende Qualitätszeitungen. Die Auswertung erfolgte in Kombination von quantitativen und qualitativen, inhalts‑ und diskursanalytischen Verfahren. Zu den wichtigen Befunden der Studie zählt, dass im Untersuchungszeitraum zwar die öffentlich vorgetragenen Zweifel an der Anerkennungswürdigkeit der Marktökonomie deutlich zugenommen haben – allerdings wird das Unbehagen am Kapitalismus kaum von politischen oder ökonomischen Eliten artikuliert, es bleibt weitgehend auf die kulturelle Elite beschränkt.
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Rubrizierung: 2.22 | 2.2 | 5.45 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Frank Nullmeier / Dominika Biegoń / Jennifer Gronau / Sebastian Haunss / Falk Lenke / Henning Schmidtke / Steffen Schneider: Marktwirtschaft in der Legitimationskrise? Frankfurt a. M./New York: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38485-marktwirtschaft-in-der-legitimationskrise_46299, veröffentlicht am 04.06.2015. Buch-Nr.: 46299 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA