Skip to main content
/ 02.04.2015
Helmut Schmidt

Mein Europa. Reden und Aufsätze

Hamburg: Hoffmann und Campe 2013; 367 S.; 22,99 €; ISBN 978-3-455-50315-9
„Es hat keinen Zweck, über Partnerschaft zu reden, und dann, wenn es ums Geld geht, damit aufzuhören. Man muss sie wollen. Nur: man wird auch das Recht haben abzuwägen, was man dem eigenen Volk und den eigenen Arbeitnehmern, der eigenen Sozialpolitik und allgemein der Reformpolitik, die der eigene Staat zu finanzieren hat, an Opfer zumuten kann.“ (70) Diese Worte über die Gemeinschaft Europas äußerte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht etwa angesichts der aktuellen griechischen Staatsschuldenkrise. Unter anderem mit diesem Appell eröffnete er die Außenpolitische Bundeskonferenz der SPD am 17. Januar 1975. Die als Sammelband veröffentlichten Reden und Aufsätze Schmidts aus den vergangenen 68 Jahren verdeutlichen, wie stetig die Anforderungen an die europäische Integration geblieben sind, trotz der teils gravierenden Veränderungen durch Erweiterungen, Reformen und Krisen. Und sie zeigen, wie sehr Schmidt dem europäischen Gedanken von Anfang an verhaftet geblieben ist. So plädierte er Anfang 1949 nach Bekanntgabe des Ruhrstatuts gegen eine pauschale Ablehnung, denn: „Hier wird ein Anfang gemacht mit dem Abbau jener Angstvorstellungen, die bisher das schwerwiegendste Hindernis auf dem Wege der europäischen Zusammenarbeit gewesen sind.“ (21) Offen stellte er sich damit gegen die Parteilinie – und handelte sich dafür auch harsche Kritik vom SPD‑Vorstand ein. Dabei betonte er bereits damals, dass er eine europäische Gemeinschaft ganz im Sinne Deutschlands befürworte, da „Deutschland nur gesunden kann, wenn Westeuropa gesundet“ (23). Diesem Gedanken ist er treu geblieben und mahnte etwa fünfzig Jahre später an: „Mir scheint, dass die deutschen Politiker bisher nicht mit ausreichender Klarheit unserem eigenen Volk gesagt haben, dass wir nicht aus europäischem Idealismus für eine Europäische Union eintreten, sondern aus vitalem eigenen Interesse der Deutschen.“ (193) Sein aktueller Ausblick auf Europas Zukunft – geäußert in dem höchst interessanten Gespräch mit Joschka Fischer, mit dem der Band abschließt, – ist eher pessimistisch: „Es steht in keiner Bibel geschrieben, dass die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt das Ende des 21. Jahrhunderts erlebt. Sie kann durchaus zerfasern, weil sich die Regierungschefs über den Ernst der Lage überhaupt nicht im Klaren sind.“ (311 f.)
{SWI}
Rubrizierung: 3.13.5 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Helmut Schmidt: Mein Europa. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38234-mein-europa_45098, veröffentlicht am 02.04.2015. Buch-Nr.: 45098 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA