/ 03.06.2013
Hans-Jochen Vogel
Nachsichten. Meine Bonner und Berliner Jahre
München/Zürich: Piper 1996; 544 S.; 2. Aufl.; 49,80 DM; ISBN 3-492-03828-XVogel schildert gut zwei Jahrzehnte bundesdeutscher und sozialdemokratischer Politik, an deren Gestaltung er seit 1972 in unterschiedlichen Funktionen beteiligt war: als Bundesbauminister unter Kanzler Brandt, Justizminister unter Schmidt, Regierender Bürgermeister und Oppositionsführer in West-Berlin, Kanzlerkandidat, Fraktionsvorsitzender und Parteivorsitzender der SPD (in der Nachfolge Willy Brandts) und - nach seinem Rückzug aus diesen Ämtern - einfacher Abgeordneter des Bundestages.
Die Memoiren, die der Autor in einem Anflug von Selbstironie ursprünglich mit "Klarsichthülle" betiteln wollte, trägt die Bezeichnung "Nachsichten" zu Recht: Vogel geht mit seinen politischen Gegnern (einschließlich solchen aus der eigenen Partei) stets maßvoll ins Gericht; Nachtreten und polemische Effekthascherei sind seine Sache nicht, wenngleich Sympathie (Beispiel: Richard von Weizsäcker) und Antipathie (Beispiel: Gerhard Schröder) durchaus unterschiedlich verteilt werden. Im Vorwort betont der Politiker, daß er kein Enthüllungsbuch habe vorlegen wollen. Entsprechend erfährt der Leser wenig, was nicht in anderer Form schon vorher bekannt gewesen wäre, auch verzichtet das Buch auf jegliches Anekdotische. Die Charakterisierungen mithandelnder Personen bleiben dadurch bisweilen oberflächlich und lassen psychologischen Tiefgang - bewußt? - vermissen.
Neben der chronologischen Darstellung, die rund zwei Drittel des Textes umfaßt, beschäftigt sich Vogel in gesonderten Kapiteln mit dem Parlamentarismus, den Medien, dem Zustand des Gemeinwesens insgesamt und der Rolle der Sozialdemokratie. Am dichtesten ist das Buch bei der Darstellung des deutschen Vereinigungsprozesses von 1989 und 1990, der innerhalb der SPD zu offenen Meinungsverschiedenheiten führte und dessen reservierte Begleitung durch den damaligen Kanzlerkandidaten Lafontaine die Loyalität des Fraktionsvorsitzenden Vogel (nach dessen eigenen Worten) "bis an die Grenze der Selbstachtung" (335) strapazierte.
Frank Decker (FD)
Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Frank Decker, Rezension zu: Hans-Jochen Vogel: Nachsichten. München/Zürich: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1426-nachsichten_1612, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 1612
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Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
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