Skip to main content
/ 20.06.2013
Matthias Stickler

"Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch" Organisation, Selbstverständnis und heimatpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949-1972

Düsseldorf: Droste Verlag 2004 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 46); 511 S.; geb., 39,50 €; ISBN 3-7700-1896-6
Habilitationsschrift Würzburg; Gutachter: W. Altgeld, H.-H. Brandt, R. F. Schmidt, P.-L. Weinacht. – Die Landsmannschaften und der Bund der Vertriebenen verstanden sich als eine Avantgarde, die die Interessen des ganzen Landes vertrat – man nahm an, dass diese in einer Rückgewinnung der an Polen und die Sowjetunion verlorenen Gebiete, der Vereinigung mit der DDR und vielleicht in einer Verschiebung der deutsch-tschechischen Grenze zugunsten der Sudetendeutschen lagen. Es herrschte die Vorstellung, dass man sich nur vorübergehend im Westen aufhielt. Aus dem Völkerrecht wurde ein Heimat- und Rückkehrrecht konstruiert, ohne sich ausreichend Gedanken über die Menschen zu machen, die in den ehemaligen Ostgebieten eine neue Heimat gefunden hatten. Stickler kontrastiert dieses Selbstverständnis mit der „tatsächlich praktizierten, partikularistischen Zersplitterung, die der Organisation in möglichst selbständige Einzellandsmannschaften eine größere Bedeutung zumaß als der Bildung einer schlagkräftigen nationalen Dachorganisation“ (99). Akribisch analysiert er die Entwicklungen der unter ständiger Finanznot leidenden Verbände und die Arbeit Einzelner - als Ergebnis zeigt sich der geringe bzw. fehlende Einfluss. Weder gelang es, die Politik der Bundesregierung zu beeinflussen, noch fühlten sich jene Vertriebenen, die politisch tätig waren, dem Verband wirklich verpflichtet - im Zweifelsfall hatte die Parteipolitik Vorrang. Dieser Realitätssinn korrespondierte mit dem Leben der Vertriebenen. Bis zu zwei Drittel von ihnen waren gar nicht organisiert, höchstens ein Drittel wollte in die alte Heimat zurück - eine entsprechende Emnid-Umfrage sei 1961/62 bewusst nicht veröffentlicht worden. Den Vertriebenenverbänden aber hätte trotz ihrer medienwirksamen Treffen klar sein müssen, so Stickler, dass sie keine Mehrheit mehr hatten. Insgesamt hat der Autor den Einfluss der Vertriebenenpolitiker empirisch belegt auf das richtige Maß zurückgestutzt. Seine Studie ist damit auch eine Basis für die Betrachtung gegenwärtiger Aktivitäten der Vertriebenenfunktionäre. Dabei stellt sich die Frage, in wessen Namen diese heute eigentlich noch sprechen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.3312.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Matthias Stickler: "Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch" Düsseldorf: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22246-ostdeutsch-heisst-gesamtdeutsch_25372, veröffentlicht am 03.12.2007. Buch-Nr.: 25372 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA