/ 17.12.2015
Béatrice von Hirschhausen / Hannes Grandits / Claudia Kraft / Dietmar Müller / Thomas Serrier
Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken
Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Phantomgrenzen im östlichen Europa 1); 224 S.; brosch., 19,99 €; ISBN 978-3-8353-1658-4Territoriale Grenzen sind keine feststehenden Konstrukte, sondern über lange Zeiträume hinweg ständig neuen (Re‑)Produktionsprozessen ausgesetzt. Auch längst von der Landkarte und (scheinbar) aus dem öffentlichen Raum verschwundene Grenzen zeitigen bisweilen langlebige Nachwirkungen. Dies gilt besonders für das östliche Europa, dessen Staatenlandschaft im 20. Jahrhundert zahlreiche Veränderungen erfahren hat. Diesen – im Titel als „Phantomgrenzen“ bezeichneten – Phänomenen widmen sich die Autor_innen des Sammelbandes. Er bildet den Auftakt zu einer gleichnamigen Reihe, die sich als Publikationsorgan eines seit 2011 bestehenden Verbundforschungsprojekts versteht. Versucht wird dabei eine Vermittlung zwischen strukturalistischen und konstruktivistischen Ansätzen. Das titelgebende Konzept bezieht sich demnach auf die Wechselwirkungen verschiedener Ebenen: „Phantomgrenzen werden gleichzeitig in mental maps und Diskursen imaginiert, sie werden von den Akteuren erfahren und wahrgenommen und sie werden durch Alltagspraktiken gestaltet und beständig aktualisiert sowie durch planmäßige politische und administrative Interventionen implementiert.“ (9) Raumwahrnehmung, Raumerfahrung und Raumgestaltung geraten so – in Anlehnung an Henri Lefebvres Konzept der Produktion des Raumes (‚production de l’espace‘) – als miteinander verflochtene Prozesse in den Blick. Fünf Studien dienen der weiteren Entfaltung dieser theoretischen Vorannahmen. Der Berliner Historiker Hannes Grandits befasst sich mit dem erneuten „[A]uftauchen“ (165) historischer Grenzziehungen als aktuelle politische Bezugsgrößen. Im Zuge des Zerfalls von Jugoslawien zum Beispiel wurde in Kroatien die sogenannte Republik Serbische Krajina ausgerufen. Deren Gebiet entsprach territorial in vielem der ehemaligen Militärgrenze der Habsburgermonarchie zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, die zeitgenössisch ebenfalls mit dem slawischstämmigen Wort krajina für Grenze bezeichnet worden war. Die Siegener Historikerin Claudia Kraft fragt nach der Anwendbarkeit postkolonialer Forschungskonzepte auf den postsozialistischen Raum. Gerade auch in der Politikwissenschaft verbreitete Ansätze wie die Transformationsforschung erscheinen so als „Produkte spezifischer historischer Konstellationen“ und nicht als die „überzeitlichen Analysekategorien“ (190), als die sie oft verwendet werden.
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Rubrizierung: 2.61 | 2.2 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Béatrice von Hirschhausen / Hannes Grandits / Claudia Kraft / Dietmar Müller / Thomas Serrier: Phantomgrenzen. Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39207-phantomgrenzen_47630, veröffentlicht am 17.12.2015. Buch-Nr.: 47630 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA