/ 20.06.2013
Hellmut Brunn / Thomas Kirn
Rechtsanwälte - Linksanwälte. 1971 bis 1981 - das Rote Jahrzehnt vor Gericht
Frankfurt a. M.: Eichborn 2004; 397 S.; geb., 22,90 €; ISBN 3-8218-5586-XWer von diesem Buch eine analytische oder systematische Beschreibung der Generation von Rechtsanwälten erwartet, die in den 60er- und 70er-Jahren Aktivisten verteidigten und sich der politischen Linken zugehörig fühlten, wird enttäuscht werden. Dass Brunn und Kirn einer solchen Schreibweise nicht nachgehen, mag berechtigte Gründe haben. Es geht aber zulasten der Stringenz des Aufbaus und der Argumentation. Zweifellos enthält das Buch zahlreiche Informationen. Der KPD-Prozess wird ebenso erwähnt wie Etappen der politischen Ereignisse der 60er- und 70er-Jahre. Nur geschieht dies in einer so unübersichtlichen und teilweise oberflächlichen Art und Weise, dass instruktive Antworten mehrheitlich ausbleiben. Leider ist dies nicht nur eine stilistische Frage: Die Autoren wollen sich dem Konflikt um Grundwerte links orientierter Strafverteidiger wie Otto Schily, Klaus Croissant und Christian Ströbele annähern, unterlassen es dann aber, exakt zu bestimmen, welche Grundsätze eigentlich gemeint sind. So bleibt das Fazit des Buches mehr als widersprüchlich: Einerseits bekunden die Autoren gegenüber diesen Anwälten die Ehrbezeugung, sie hätten mehrheitlich die Demokratisierung des Rechtssystems vorangetrieben. Andererseits weigern sich Brunn und Kirn, von juristischen Restbeständen des Dritten Reiches zu sprechen und weisen die damalige Kritik, die frühe Bundesrepublik hätte zu wenig Anstrengungen unternommen, sich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen, strikt zurück. Neben solchen Paradoxien sollte noch eine zweite Tatsache erwähnt werden, die in dem Buch fast völlig unterschlagen wird. Der „Linksanwalt“ ist keine Erfindung der 60er-Jahre, sondern hatte bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts hinreichende Beschäftigung, wie das Wirken von Alfred Apfel, Kurt Rosenfeld, Rudolf Olden oder Hans Litten belegt. Dass Litten, der in Dachau gestorben ist, in einem Kapitel erwähnt wird, das mit Überlegungen endet, ob die Krawalle der Studenten mit denen der Nationalsozialisten gleichgesetzt werden könnten, stimmt dann doch bedenklich.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Hellmut Brunn / Thomas Kirn: Rechtsanwälte - Linksanwälte. Frankfurt a. M.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22497-rechtsanwaelte---linksanwaelte_25670, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25670
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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