/ 21.06.2013
Peter Merseburger
Rudolf Augstein. Biographie
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2007; 560 S.; geb., 29,95 €; ISBN 978-3-421-05852-2„Er ist ein Mann, der Feindbilder braucht und im Kampf gegen sie zu eigener Größe findet“ (9), schreibt der Journalist Merseburger über den Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ – eine Größe, die der politischen Kultur der Bundesrepublik entscheidende Impulse gegeben hat. Merseburger würdigt diese Bedeutung Augsteins (und seines Magazins) kritisch und weist ihm den Platz zu, der ihm in der Nachkriegsgeschichte gebührt: als „schärfsten intellektuellen Widerpart des Gründungskanzlers“ (9) und später im Kampf gegen Franz Josef Strauß als Verteidiger der Demokratie. Auch sein Ablösungsprozess von der Kirche ist ein Teil der bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte, die Merseburger mit Augstein und dem Spiegel beschreibt. Erste journalistische Gehversuche während des Krieges unternahm Augstein weitab von der Politik im Feuilleton und angesichts dieses Abstandes zum Nationalsozialismus kann sich Merseburger einer Verurteilung darüber enthalten, dass Augstein später für den Spiegel ehemalige Nazis arbeiten ließ – die Grundstimmung der Zeit sei eine andere als heute gewesen. Auch sonst sind nachträgliche Urteile nicht Merseburgers Sache, die Lebensgeschichte Augsteins spricht für sich. Deutlich herausgearbeitet wird seine nationale Haltung, die ihn auch zu politischen Fehleinschätzungen (etwa hinsichtlich der Westbindung) verleitete. Geschildert werden seine persönlichen, politischen und publizistischen Ausbruchsversuche aus dem Spiegel, außerdem seine im Privaten schwierige Persönlichkeit. Die Meinung, er sei politisch links einzuordnen, zeigt sich erwartungsgemäß als ein Vorurteil und rührte sicher von der „antiautoritäre[n] Grundtendenz“ (8) des Spiegels her. Vor allem aber würdigt Merseburger die Spiegel-Affäre 1962 als einen wichtigen Wendepunkt in der politischen Kultur der jungen Demokratie: Die Reaktion der Öffentlichkeit auf das massive Vorgehen der Staatsgewalt habe den Abschied vom deutschen Obrigkeitsstaat eingeläutet. Ein größerer Erfolg ist im Leben eines Journalisten sicher kaum vorstellbar.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.333 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter Merseburger: Rudolf Augstein. Stuttgart: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28222-rudolf-augstein_33199, veröffentlicht am 03.04.2008.
Buch-Nr.: 33199
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