/ 22.06.2013
Gianluigi Nuzzi
Seine Heiligkeit. Die geheimen Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. Aus dem Italienischen von Enrico Heinemann, Walter Kögler, Christiane Landgrebe, Antje Peter und Rita Seuß
München/Zürich: Piper 2012; 415 S.; 22,99 €; ISBN 978-3-492-05575-8Der schmierige Brief eines Moderators, der dem Papst 10.000 Euro zukommen lässt und zugleich fragt, wann er mit diesem zusammentreffen kann, ist eines der harmloseren Dokumente, die der Journalist Gianluigi Nuzzi in diesem Buch abdruckt und kommentierend in ihren Kontext einordnet. Erhalten hat er diese Dokumente vom päpstlichen Schreibtisch nach dessen eigenen Angaben vom damaligen Kammerdiener Paolo Gabriele, der für die Entwendung dieser Unterlagen zu 18 Monaten Haft verurteilt und mittlerweile vom Papst begnadigt wurde. Vor allem für das italienische Publikum war die Enthüllung dieser Interna von großem Interesse, das Buch ist dort zum Bestseller geworden. Aber auch für nichtitalienische Leser und vor allem für die, die sich für die Institution der katholischen Kirche sowie deren Wechselwirkungen mit Politik und Gesellschaft (nicht nur in Italien) interessieren, ergibt sich eine aufschlussreiche Lektüre. Die Dokumente geben zumindest in Ausschnitten den Blick frei auf Machtkämpfe, Intrigen und Korruption. Als eine zentrale Figur des vatikanischen Geschehens zeigt sich Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone, wobei vermutet wurde, dass die Weitergabe der Dokumente vor allem ihm schaden sollte, brachte seine Ernennung durch den Papst doch wohl einige lang erprobte Machtstrukturen durcheinander. Neben Bertone selbst sind die Kapitel unter anderem dem sogenannten Fall Boffo gewidmet – Dino Boffo war als Chefredakteur der Bischofs-Zeitung „Avvenire“ zurückgetreten, nachdem ihm vorgeworfen war, im Zuge einer homosexuellen Affäre eine Frau telefonisch belästigt zu haben. Zuvor aber hatte „Avvenire“ unter Boffo gewagt, vorsichtig gegen Premierminister Berlusconi Stellung zu beziehen. Boffo schrieb dem Papst, um seinen Ruf zu retten. Weitere Themen sind u. a. die Entlassung des Prälaten und Korruptionsbekämpfers Carlo Maria Viganò durch Bertone sowie die Einflussnahme des Vatikans auf Italien, um eine Immobiliensteuer gemäß der EU-Richtlinien zum eigenen Vorteil zu verhindern. Geradezu erschütternd in seiner Dürftigkeit ist Dokument 14, mit dem der Papst anlässlich eines anstehenden Besuches des italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano gebrieft wird – ohne einen Hauch der Reflexion werden kurz und knapp die einbetonierten Positionen des Vatikans etwa zu Patientenverfügungen oder zur geschichtlichen Aufarbeitung der einstigen Haltung zu den faschistischen Rassegesetzen zusammengefasst. Wenn das alles ist, was der Vatikan zu diesen Themen zu sagen hat, ist das wenig.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gianluigi Nuzzi: Seine Heiligkeit. München/Zürich: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35677-seine-heiligkeit_43078, veröffentlicht am 10.01.2013.
Buch-Nr.: 43078
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