/ 04.06.2013
Erich W. Streissler (Hrsg.)
Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI. Die Umsetzung wirtschaftspolitischer Grundkonzeptionen in die kontinentaleuropäische Praxis des 19. und 20. Jahrhunderts, I. Teil
Berlin: Duncker & Humblot 1997 (Schriften des Vereins für Socialpolitik 115/XVI); 233 S.; 98,- DM; ISBN 3-428-09092-6Überarbeitete Referate einer Ausschußtagung des Vereins für Socialpolitik im April 1995 in Salzburg, zu der ein weiterer Band mit einer Gesamtschau folgen soll. Ziel der Tagung war der Brückenschlag von bekannten volkswirtschaftlichen Theoriekonzeptionen zu ihrer Umsetzung in die Praxis. Zu selten würden Wirtschaftswissenschaftler, so Streissler im Vorwort, sich Gedanken darüber machen, ob und wie ihre theoretische Saat aufgeht. Im Mittelpunkt von Priddats Beitrag steht das Werk Karl Heinrich Raus, ein bedeutender Ökonom des 19. Jahrhunderts, der mit den alten Mitteln der Kameralistik die Marktfreiheit nach Adam Smith durchzusetzen versuchte (35 f.). Schmidt arbeitet die Bedeutung Schmollers und zahlreicher anderer Autoren für die sozialpolitische Schule des 19. Jahrhunderts heraus, die die Sozialpolitik stark beeinflußt hat. Streissler unternimmt einen Parforceritt durch die wirtschaftsliberale Politik. Im Ergebnis bleibt er skeptisch, ob die wirtschaftsliberale Politik durch die großen liberalen Ökonomen geprägt wurde.
Die restlichen drei Beiträge haben die politische Umsetzung wirtschaftspolitischer Konzeptionen in Deutschland während der letzten fünfzig Jahre zum Gegenstand. Klump sieht drei Strömungen, die zum Konzept der Sozialen Marktwirtschaft führten: erstens die wissenschaftstheoretische Diskussion, maßgeblich bestimmt durch die Freiburger Schule um Walter Eucken; zweitens die Lehre der Sozialen Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks, der als der Schöpfer des Begriffs gilt; drittens die Person Ludwig Erhards, mit dem die politische Diskussion um die Gestaltung der Nachkriegswirtschaft gewürdigt wird. Kloten stellt in einer Replik Klumps Aussage in Frage, daß das Verständnis einer Lehre der Sozialen Marktwirtschaft sich 1948/49 durchgesetzt habe und kritisiert die Drei-Wege-These. Kloten stellt in einem weiteren Beitrag fest, daß 1990 keine adäquate Transformationstheorie für die anstehende Währungsunion vorhanden war. Zugleich wertet er mit reichlich statistischem Zahlenmaterial die Prognosen und Planungen von Regierung und Bundesbank aus.
Inhalt: Erich W. Streissler: Vorwort (5-13); Birger P. Priddat: Volkswirtschaftspolizei bzw. -politik als Kunstlehre der Beamten-Juristen. Zur Theorie und Praxis der "angewandten Volkswirtschaftslehre" im frühen deutschen 19. Jahrhundert (17-42); Karl-Heinz Schmidt: Gustav Schmoller und die Entwicklung einer sozialpolitischen Schule in Deutschland (43-79); Erich W. Streissler: Der Wirtschaftsliberalismus in Mitteleuropa: Umsetzung einer wirtschaftspolitischen Grundkonzeption? (81-127); Rainer Klump: Wege zur Sozialen Marktwirtschaft - Die Entwicklung ordnungspolitischer Konzeptionen in Deutschland vor der Währungsreform (129-160); Norbert Kloten: "Was zu bedenken ist" - Bemerkungen zum Referat von Rainer Klump (161-170); Norbert Kloten: Der theoretische Hintergrund der deutsch-deutschen Währungsunion (171-233).
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.342 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Erich W. Streissler (Hrsg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI. Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3852-studien-zur-entwicklung-der-oekonomischen-theorie-xvi_5446, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5446
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M. A., Politikwissenschaftler.
CC-BY-NC-SA