/ 21.06.2013
Michael Weigl
Tschechen und Deutsche als Nachbarn. Spuren der Geschichte in grenzregionalen Identitäten. Mit einem Vorwort von Werner Weidenfeld
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2008; 280 S.; 49,- €; ISBN 978-3-8329-3316-6Grenzen werde oft vorgeworfen, willkürlich gezogen worden zu sein, schreibt Weigl, im Alltag komme ihnen aber keinesfalls nur ein imaginärer Charakter zu. Im Gegenteil strukturierten sie ganz reale Lebens- und Wahrnehmungsräume und würden deshalb sehr schnell als gegeben wahrgenommen. Damit kreierten Grenzen auch Identitäten und Zugehörigkeiten. Sie seien somit nicht als bloße Trennlinien zwischen Staaten anzusehen, sondern trennten Identitätsräume. Insbesondere gelte dies für jene Grenzen, auf denen zu Zeiten des Ost-West-Konflikts der eiserne Vorhang verlief. Weigl erkennt an ihnen trotz einer immer pragmatischeren Ausgestaltung der Zusammenarbeit und zahlreicher europäischer Initiativen noch immer tiefe Gräben. Warum dies in der Mitte Europas fast 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges noch immer so ist, ist seine zentrale Frage. Weigl geht von einer großen Diskrepanz zwischen den offiziellen politischen Stellungnahmen und dem tatsächlichen Empfinden weiter Teile der Bevölkerung aus, da die grenzregionale Bevölkerung an ihrem alten Selbstverständnis der Peripherie festhalte und die Neuverortung ihrer Grenzregion – als im Herzen Europas liegend – nur bedingt nachvollziehe. Weigl legt dieser Analyse eine Untersuchung des gesamten bayrisch-böhmischen Grenzraums zugrunde. Er vergleicht dabei nicht nur die regionalen Identitäten Bayerns und Tschechiens, sondern nimmt auch jeweils einen interregionalen Vergleich innerhalb eines Staates vor. Seine Forschung basiert auf der Auswertung regionaler Selbstdarstellungen und regionaler Tageszeitungen sowie einer qualitative Datenerhebung. Abschließend bilanziert er: „Metageschichten können nicht mit Worten erzählt werden. Identität bedingt Emotionen, welche mit Sprache allein nur unzureichend transportierbar sind“ (261). Eine regionale Neuorientierung müsse im Alltag also konkret erfahrbar gemacht werden. Nach Ansicht des Autors sollte das neue Kollektiv sogar mit allen Sinnen erlebt werden.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.23 | 2.325 | 2.35 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Michael Weigl: Tschechen und Deutsche als Nachbarn. Baden-Baden: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28877-tschechen-und-deutsche-als-nachbarn_34083, veröffentlicht am 30.09.2008.
Buch-Nr.: 34083
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