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/ 12.06.2014
Danny Michelsen / Franz Walter

Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013 (edition suhrkamp); 411 S.; 16,- €; ISBN 978-3-518-12668-4
Der Untertitel des Bandes könnte in die Irre führen – mit Überlegungen zur Krise der Repräsentation befasst sich darin nur ein Kapitel, in der Hauptsache setzen sich die Autoren mit „unpolitischen Facetten der Gegenwartsdemokratie“ (101) auseinander. Das tun sie in einer Breite, die sich zweifellos auf eine umfangreiche Kenntnis der teils akademischen, teils in Feuilletons geführten Debatten stützen kann – allerdings geht die Fülle der rezipierten Positionen und Argumente zu Lasten der systematischen Stringenz. Und es scheint so, als wäre der ältere der beiden Autoren – Franz Walter – nicht gänzlich frei von Unbehagen angesichts des essayistischen Duktus der Darstellung. In dem weit ausholenden ersten Kapitel wird das leitende Thema des Buches mit etlichen, des Öfteren sich wiederholenden Bezügen durchgespielt. Die Substanz der demokratischen Politik beruht demnach auf dem Prinzip der freien und gleichen Wahl in Verbindung mit offenen Deliberations‑ und Entscheidungsprozessen, einem gemeinsamen politischen Raum, in dem kollektiv gefasste Beschlüsse gelten, und einer unreglementierten Öffentlichkeit. Diese „politische Politik“ (68) wird heute von entpolitisierenden Tendenzen in dreierlei Hinsichten bedroht, zunächst durch das Agieren politischer Akteure, die angesichts zunehmender Begrenzungen (national‑)staatlicher Handlungsfähigkeit teils Pseudokommunikationen betreiben, teils auf extraparlamentarische Entscheidungsprozesse setzen – so auch im Kontext der EU. Eine zweite Bedrohung stellt die zunehmende Bedeutung zivilgesellschaftlicher Praktiken dar, ist dieses Feld bisher doch stark von partikularistischer Interessenverfolgung und individualistischem Konsumismus geprägt. Schließlich fördern auch politiktheoretische Interpretationen nach Ansicht der Autoren entpolitisierende Tendenzen, wenn nicht solche einer Antipolitik. Das zeigt sich etwa an Governance‑Modellen, die auf Output‑Legitimität fixiert sind, an deliberativen Postulaten, die parlamentarische Verantwortlichkeiten unterlaufen, oder an radikaldemokratischen Positionen, die die Polity‑Dimension von Politik gezielt ignorieren.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.25.413.2 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Danny Michelsen / Franz Walter: Unpolitische Demokratie. Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37169-unpolitische-demokratie_44556, veröffentlicht am 12.06.2014. Buch-Nr.: 44556 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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