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/ 17.09.2015
Sabine Schneider / Eckart Conze / Jens Flemming / Dietfrid Krause-Vilmar

Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus

Marburg: Schüren 2015; 215 S.; pb., 19,90 €; ISBN 978-3-89472-241-8
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Willi Seidel in Kassel zum Bürgermeister ernannt. Er gehörte der SPD an, war zuvor allerdings Beamter im Wehrwirtschaftspolitischen Amt der Stadt gewesen. 1954 folgte ihm der SPD‑Politiker Lauritz Lauritzen im Bürgermeisteramt – ein früheres SA‑Mitglied. 1963 übernahm Karl Branner dieses Amt – ein ehemaliges Mitglied in der NSDAP und anderen nationalsozialistischen Organisationen. Nach Branner wurden in Kassel eine Brücke und ein Rathaussaal benannt und ihm zudem die Ehrenbürgerschaft verliehen. Auch seine Vorgänger wurden mit mehreren städtischen und nationalen Ehrungen gewürdigt. Die in der Öffentlichkeit empört debattierte braune Vergangenheit ihrer Bürgermeister veranlasste die Stadt Kassel, 2013 eine Expertenkommission, bestehend aus den Autoren, zu beauftragen, um die politischen Lebensläufe der drei Bürgermeister zu untersuchen. Den Abschluss der Studie bildet das gemeinsam erarbeitete Buch. Die Veröffentlichung sei Teil einer seit einigen Jahren entstehenden Entwicklung in Deutschland, wieder vermehrt „in großer Intensität über die NS‑Belastung von Personen und Institutionen“ und deren „Umgang mit biographischen Brüchen und Kontinuitäten“ (8) zu diskutieren. Dass die Zielpersonen der Forschung lange verstorben seien, erleichtere eine kritische, aber auch sachliche Auseinandersetzung mit ihren Biografien. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Darstellung des Lebenslaufes von Seidel: Bei ihm sei eine NSDAP‑Mitgliedschaft nicht komplett auszuschließen, aber auch nicht nachzuweisen. Außerdem habe er vor 1945 nicht in der ersten Reihe der Stadtregierung gewirkt, aber als Verwaltungschef für die korrekte und zügige Umsetzung der nationalsozialistischen Kommunalpolitik inklusive politisch motivierter Beschlagnahmungen gesorgt. „Eine Haltung oder Praxis [Seidels] als Gegner des Staates, der Partei und der Diktatur ist in der Überlieferung nicht erkennbar“ (34). Deshalb sei es ungewöhnlich gewesen, dass ihn die amerikanische Militärregierung zum Oberbürgermeister berufen habe, üblicherweise seien dafür Personen ausgewählt worden, die in der Nazizeit vom Regime verfolgt oder im Widerstand aktiv gewesen seien. Dem Entnazifizierungsprozess der Verwaltung habe Seidel seiner eigenen Vorgeschichte entsprechend nicht nur skeptisch gegenübergestanden: „Statt von den Nationalsozialisten verfolgte Bedienstete […] vorrangig einzubinden, umgab sich Seidel von Anfang an lieber mit erfahrenem Personal aus der NS‑Zeit.“ (52) Der Blick auf die Kommunalpolitik eröffnet in diesem Fall also eine sehr genaue Bestandsaufnahme einer Phase, die mitnichten eine Stunde null war.
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Rubrizierung: 2.3132.3312.35 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Sabine Schneider / Eckart Conze / Jens Flemming / Dietfrid Krause-Vilmar: Vergangenheiten. Marburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38882-vergangenheiten_47352, veröffentlicht am 17.09.2015. Buch-Nr.: 47352 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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