/ 22.06.2013
Christoph Kühberger / Andreas Pudlat (Hrsg.)
Vergangenheitsbewirtschaftung. Public History zwischen Wirtschaft und Wissenschaft
Innsbruck u. a.: Studien Verlag 2012; 218 S.; 34,90 €; ISBN 978-3-7065-5093-2Mit dem von Iris Hanika kreierten Neologismus „Vergangenheitsbewirtschaftung“ wird in diesem Sammelband „in plakativer Form auf das Spannungsverhältnis zwischen forschender Praxis, wirtschaftlicher Verwertbarkeit und moralisch-ethischer Dimensionierung aufmerksam“ (7) gemacht. Dahinter steht die Einsicht, dass auch Geschichte vermarktet wird. Die geschichtswissenschaftliche Forschung dient also nicht nur einem Selbstzweck, sondern wird ebenso wirtschaftlich genutzt. Die Herausgeber widmen sich besonders drei Aspekten dieses Zusammenhangs: Erstens gehen sie der Frage nach, unter welchen Bedingungen Geschichte zum Wirtschaftsfaktor wird. Zweitens möchten sie klären, welche Rolle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen spielen, die nicht nur Experten, sondern gleichzeitig auch Vertragspartner der Wirtschaft sind und welche Anforderungen die ökonomische Sphäre an die Produkte der Vergangenheitsbewältigung stellt. Drittens fragen Kühberger und Pudlat nach den ethischen Standards in diesem Beziehungsgeflecht, um die für die akademische Welt geltende Ethik mit den wirtschaftlichen Interessen abzugleichen. Kühberger greift in seinem ausführlichen Artikel alle drei Aspekte auf und diskutiert sie anhand einer Vielzahl interessanter Beispiele wie dem Lübecker Café Niederegger, dem Autokonzern Fiat oder der Biermarke Guinness. Er zeigt u. a., dass das von vielen Firmen mithilfe historischer Narrative betriebene Geschichtsmarketing (Betonung der Produktgeschichte und/oder der Firmengeschichte, Requisiten, Unternehmensmuseen u. a.) nicht immer nur streng wissenschaftlichen Kriterien folgt. Vielmehr geht es vorrangig darum, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen der Konsumenten (z. B. soziale Zugehörigkeit, Ich-Bestätigung) anzusprechen. Eine sinn- und erfolgversprechende sowie ethisch angemessene Möglichkeit, Wirtschaft und Forschung zu verbinden, sieht Kühberger im sogenannten History Consulting, das als eine Übersetzungsarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit verstanden werden kann.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Christoph Kühberger / Andreas Pudlat (Hrsg.): Vergangenheitsbewirtschaftung. Innsbruck u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35242-vergangenheitsbewirtschaftung_42437, veröffentlicht am 27.09.2012.
Buch-Nr.: 42437
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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