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/ 20.06.2013
Tobias Winstel

Verhandelte Gerechtigkeit. Rückerstattung und Entschädigung für jüdische NS-Opfer in Bayern und Westdeutschland

München: R. Oldenbourg Verlag 2006 (Studien zur Zeitgeschichte 72); 426 S.; geb., 59,80 €; ISBN 978-3-486-57984-0
Diss. München; Gutachter: H. G. Hockerts, M. H. Geyer. – „Den Überlebenden des Holocaust war nichts anzudienen, was ihrem früheren Leben [..] auch nur annähernd entsprechen konnte“ (8), schreibt Winstel. Dennoch seien Entschädigung und Rückerstattung von wesentlicher Bedeutung gewesen, auch über die materielle Seite hinaus: Die Wiedergutmachungsverfahren seien oft die einzigen Gelegenheiten für die Opfer gewesen, ihre Leiden zu schildern; durch die Verfahren sei das Recht sichtbar wiederhergestellt worden; jede Entschädigung habe auf das Unrecht hingewiesen, dass zuvor begangen worden sei. Initiiert worden sei die Wiedergutmachung von der amerikanischen Besatzungsmacht, später folgten Bundesgesetze und Regelungen der Länder. Der Autor untersucht das komplexe Thema am Fallbeispiel Bayern, vermeidet aber eine auf rechtliche Aspekte beschränkte Betrachtung. Diese würde dem Leid der Opfer nicht gerecht, schreibt er. Schon die Betroffenen hätten durch die Anforderungen, ihr verlorenes Hab und Gut genau zu benennen, nicht selten vor kaum lösbaren Problemen gestanden. Winstel ordnet stattdessen die Wiedergutmachung in den gesamthistorischen Komplex ein; berücksichtigt werden die Berechtigten, die staatliche Seite und die Öffentlichkeit. Dargestellt werden für den Zeitraum von 1945 bis in die sechziger Jahre die rechtliche Entwicklung, das Verhalten der Akteure sowie die Wirkungs‑ und Erfahrungsgeschichte der Wiedergutmachung, zu der auch die Zweckentfremdung durch den Staat sowie individueller Missbrauch gehören. Anhand der Akten ist zu belegen, dass das Land Bayern die NS‑Opfer oftmals nur als Verfahrensgegner wahrgenommen hat. Außerdem versuchten missgünstige Bürger, eine Entschädigung ihrer einstigen jüdischen Nachbarn zu verhindern – der Antisemitismus war mit dem Untergang des Nationalsozialismus keineswegs verschwunden. Dennoch habe die Wiedergutmachung eine Langzeitwirkung entfaltet, schreibt Winstel, weil mit der Restitution der Opfer auch die historische Schuld aufgedeckt worden sei.
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Rubrizierung: 2.3132.3252.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tobias Winstel: Verhandelte Gerechtigkeit. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25838-verhandelte-gerechtigkeit_29999, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29999 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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