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/ 21.06.2013
Manfred Kittel

Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961-1982)

München: R. Oldenbourg Verlag 2007 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer); 206 S.; brosch., 39,80 €; ISBN 978-3-486-58087-7
Es ist bedauerlich, dass der Historiker Kittel mit seiner im Titel formulierten These einen Ansatz gewählt hat, die seiner faktenreichen, über weite Strecken sehr differenzierten und insgesamt aufschlussreichen Studie eine gewisse Schlagseite verleiht. Dabei vertritt er grundsätzlich den einzigen richtigen Standpunkt: Ein Unrecht kann nicht mit einem anderen Unrecht gerechtfertigt werden, die Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende aus Osteuropa nicht mit dem vorangegangenen Holocaust – gleichwohl die Vertreibung, und dies betont Kittel, ohne Krieg und Holocaust nicht zu verstehen ist. Er unterteilt den Untersuchungszeitraum in zwei Abschnitte, wobei er die Zäsur mit dem Regierungsantritt der sozialliberalen Koalition setzt. Erläutert wird die Entstehung einer politischen Haltung vieler Westdeutscher, die (zur eigenen Entlastung) die Ostdeutschen prototypisch als Nazi-Anhänger einordneten mit der Konsequenz, dass deren Vertreibung als irgendwie gerechtfertigt erschien. Kittel schildert die letztlich wenig erfolgreiche Etablierung der Erinnerungsorte „Flucht und Vertreibung“ und „der historische deutsche Osten“, kritisch und bisweilen polemisch. Beschrieben wird die Darstellung der Vertriebenen und ihrer Anliegen in den Medien, der sozialliberalen Koalition wirft er eine Kürzung der Zuschüsse an den Bund der Vertriebenen vor. Zu bemängeln ist, dass Kittel das geringe Interesse der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft an den Erinnerungsorten beklagt, aber nicht darüber reflektiert, dass die Bezogenheit auf die eigene Region den kulturellen Traditionen eines Deutschlands entspricht, das über Jahrhunderte in vielen Einzelstaaten mehr neben- als miteinander existierte. Leider schreibt Kittel erst zum Schluss, dass es zwingend (und ein Erfolg) war, die Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft zu integrieren. Zukunftsweisend aber ist sein Vorschlag, den ehemaligen deutschen Osten auch als einen Ort in Erinnerung zu behalten, an dem Deutsche und östliche Nachbar über Jahrhunderte „in produktiver Kooperation“ (183) lebten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.352.331 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Manfred Kittel: Vertreibung der Vertriebenen? München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26640-vertreibung-der-vertriebenen_31062, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 31062 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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