/ 21.06.2013
David Heredia
Zum Judenbild nach Auschwitz. Die frühe Berichterstattung in der Zeitschrift Der Spiegel
Freiburg i. Br.: Rombach Verlag 2008 (Berliner Kulturwissenschaft 6); 230 S.; pb., 46,- €; ISBN 978-3-7930-9535-4Anhand der Analyse der ersten Jahrgänge (1947-1956) des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ untersucht Heredia, wie in der Nachkriegszeit über Juden, jüdische Themen und Judentum berichtet wurde. Zentral wird danach gefragt, inwieweit traditionelle antisemitische Stereotype in der Nachkriegspublizistik erneut auftauchen oder bewusst unterlassen bzw. sogar kritisch bearbeitet werden. Weiter interessiert es den Verfasser, ob sich das Judenbild innerhalb des Untersuchungszeitraums modifiziert hat. Die Arbeit beginnt mit begriffsgeschichtlichen Ausführungen und begründet stimmig die Operationalisierung des auf Adorno zurückgehenden Begriffes des „sekundären Antisemitismus“ für die Untersuchung. Nach Darstellung historischer Bezüge kommt der Autor zum eigentlichen Thema: Breiten Raum nahmen in der Berichterstattung Artikel über Displaced Persons (DPs) ein, wobei der Begriff als Chiffre für „Jude“ erscheint. Heredia zeigt, wie diese unter Bemühung traditioneller antisemitischer Stereotype als ein Kollektiv sich bereichernder, zu großem Geld gekommener und vom Schwarzmarkt lebender Profitmacher gezeichnet wurden. Andere Artikel befassen sich mit jüdischen Gemeinden, mit Exil und Emigranten, mit Entschädigungsfragen und mit Israel. Insgesamt, so Heredias überraschender Befund, verschlechterte sich das Judenbild im Verlauf des Untersuchungszeitraumes „massiv“. Habe anfangs eine neutrale Berichterstattung vorgeherrscht, änderte sich dies seit Anfang 1948. Nun, so der Autor, „folgt eine geschlossen negative und meist ausgesprochen aggressive Berichterstattung“, die teilweise „kampagnenartige Züge“ getragen habe (211). Insgesamt zeige die Berichterstattung im Spiegel die „Integration antisemitischer Denkweisen in die demokratische Öffentlichkeit“ (217), die Heredia als Prozess der Herausbildung des sekundären Antisemitismus der Schuld- und Erinnerungsabwehr im Sinne Adornos analysiert. Trotz gelegentlicher Redundanzen ist die Studie ein lesenswerter Beitrag zur kritischen Antisemitismusforschung und zur Geschichte der politischen Kultur in der frühen Bundesrepublik.
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.313 | 2.333 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: David Heredia: Zum Judenbild nach Auschwitz. Freiburg i. Br.: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29761-zum-judenbild-nach-auschwitz_35251, veröffentlicht am 25.11.2008.
Buch-Nr.: 35251
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Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
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