Skip to main content
/ 12.12.2013
Stephan Klecha / Alexander Hensel

Zwischen digitalem Aufbruch und analogem Absturz: Die Piratenpartei

Opladen u. a.: Verlag Barbara Budrich 2013; 192 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-8474-0116-2
Liquid Democracy? War da was? – Nach längerem Nachdenken könnte man in der Tat zu dem Schluss kommen, ja, da könnte etwas gewesen sein. Doch allzu nachhaltig ist die Piratenpartei trotz ihres Einzugs in mehrere Landesparlamente (darunter in Nordrhein‑Westfalen) in der gegenwärtigen öffentlichen Debatte nicht mehr präsent. Wie konnte es zu diesem – darf man schon sagen: beispiellosen? – Absturz von einem Partei gewordenen politischen Messias in digitaler Gestalt zu – ja zu was eigentlich – kommen? Stephan Klecha und Alexander Hensel unternehmen in ihrem Band den Versuch einer retrospektiven Bestandsaufnahme eines der faszinierendsten Phänomene in der etablierten Parteienpolitik, angefangen von den ersten politischen Gehversuchen über den innerparteilichen Aufbau in Deutschland bis hin zur Analyse ihrer alltäglichen parlamentarischen Arbeit. Die Gründe für den politischen Erfolg der Partei können die Autoren kurz und bündig benennen: „Grundsätzlich ist es ihr gelungen, den in der deutschen Politik lange unterschätzten Aspekt des Digitalen zu popularisieren und zeitweise zu besetzen. [...] Das authentische Auftreten und die breite Präsenz der Piraten in digitalen Kommunikationsräumen verstärkte ihre öffentliche Wahrnehmung zusätzlich.“ (160) Auf der anderen Seite sei eine thematische Fokussierung auf spezielle Nischen/index.php?option=com_content&view=article&id=41317, wie etwa Netzpolitik, sowie der Dauerstatus einer politischen Projektionsfläche kaum geeignet, längerfristig stabil Wählergruppen an die Partei zu binden. Zudem, so Klecha und Hensel, sei die Partei zu einem Teil auch Opfer ihrer eigenen basisdemokratischen Ausrichtung geworden, da diese in der Vergangenheit immer wieder die Tendenz gezeigt habe, ins Destruktive umzuschlagen. Trotz allem, so sind sich die Autoren sicher, scheint hinter dem politischen Phänomen des kometenhaften Aufstiegs der Piraten doch mehr zu stecken als eine „Laune oder gar Verirrung der Wähler“ (161). Es liege jedoch an der Partei selbst, aus den vergangenen und noch anstehenden politischen Niederlagen zu lernen und zum Beispiel das eigene Verhältnis zur repräsentativen Demokratie anzupassen. Gelinge dies nicht, dann – so die aus Sicht der Partei und ihrer Anhänger bittere Prognose – „bleibt vom einstigen Hype um die Piratenpartei [...] nicht viel übrig“ (166). – Der Band ist für all diejenigen, die sich mit dem Parteiensystem der Bundesrepublik und mit der Piratenpartei im Besonderen beschäftigen, unbedingt zu empfehlen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3312.222.61 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Stephan Klecha / Alexander Hensel: Zwischen digitalem Aufbruch und analogem Absturz: Die Piratenpartei Opladen u. a.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36514-zwischen-digitalem-aufbruch-und-analogem-absturz-die-piratenpartei_44576, veröffentlicht am 12.12.2013. Buch-Nr.: 44576 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA