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/ 11.06.2013
Hinrich Paul

Brücken der Erinnerung. Von den Schwierigkeiten, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen

Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1999 (Geschichte und Psychologie 9); 298 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-8255-0139-6
Diss. Privatuniversität Witten/Herdecke. - Daß die Form eines erinnernden Bezugs auf die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland sowohl politisch - so auf der Ebene kollektiv-repräsentativer Symbolisierungen - als auch wissenschaftlich - etwa hinsichtlich der Grenzen einer objektivierenden Darstellung des Geschehenens - strittig ist, gehört zu den konstanten Merkmalen einschlägiger Debatten. Der Kern der Auseinandersetzungen betrifft allerdings weniger den Umgang mit durchsichtigen Versuchen einer Instrumentalisierung der NS-Historie als vielmehr die Frage, was es denn heißen könne, die NS-Geschichte als eigene anzunehmen. An diesem Streitpunkt ansetzend verfolgt der Autor drei Ziele, deren Verknüpfung die hoch ambitionierte Anlage der Studie ausmacht. Die Kontroverse zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer über die "Historisierung des Nationalsozialismus" (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1988) aufgreifend möchte Paul erstens das Modell einer "Politischen Theologie" entwerfen, die (im Sinne Benjamins, nicht Schmitts) der unterdrückten Schuld im Begriff der "historischen Reue" zum Ausdruck verhilft (38 ff., 287 ff.). Zweitens versucht er im empirischen Teil auf der Basis von Gruppengesprächen mit Zeitzeugen - unter ihnen ebenso Täter wie Verfolgte - Verfahren der Oral-History durch eine "maieutische" Gesprächsführung so einzusetzen, daß auch auf individueller Ebene eine erinnernde Aneignung der unterdrückten Elemente der je eigenen Biographie möglich wird (102 ff.). Drittens schließlich sind theoretische wie empirische Bemühungen in die praktische Zielsetzung eingebunden, "die Bereitschaft und Fähigkeit nicht nur der Älteren, sondern auch der Heranwachsenden [zu] fördern [...], ihren Anteil an der nationalsozialistischen Vergangenheit wahrzunehmen und anzuerkennen" (86 f.). Diese drei Intentionen lassen sich vermutlich nur dann miteinander verknüpfen, wenn man - wie der Autor ausdrücklich hervorhebt - nicht "die theologische Dimension aus der Geschichtserinnerung ausblendet" (37). Aus dem Inhalt: I. Fragen nach der Erinnerung: 1. Streit um die Geschichtserinnerung. Können die Deutschen die Geschichte des Nationalsozialismus als ihre eigene annehmen?; 2. Erinnerung und Geschichte. II. Erinnerungsarbeit im Gespräch zwischen Generationen. Eine empirische Untersuchung: 3. Ziele, Fragestellung, Hypothesen und methodischer Ansatz; 4. Ein Gesprächskreis als Ort der Erinnerungsarbeit; 5. Johann Reese (1918 geboren); 6. Ida Gartemann (1927 geboren); 7. Hubert Zoller (1924 geboren); 8. Elise Hilger (1925 geboren); 9. Fördernde und hemmende Bedingungen der Erinnerungsarbeit: A. Individuell-psychische Bedingungen; B. Soziale Bedingungen; C. Politisch-theologische und kulturelle Bedingungen; D. Methodische Bedingungen. Schluss: 10. Perspektiven der Erinnerungsarbeit: A. Ziele der Erinnerungsarbeit; B. Methoden der Erinnerungsarbeit; C. Ausblick: Historische Reue, negative Sinnbildung und Wahrheit als Anteil.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.352.312 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hinrich Paul: Brücken der Erinnerung. Pfaffenweiler: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9933-bruecken-der-erinnerung_11713, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11713 Rezension drucken
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