/ 11.06.2013
Frank Niess
Die europäische Idee - aus dem Geist des Widerstands
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (edition suhrkamp 2160); 249 S.; kart., 11,20 €; ISBN 3-518-12160-XDer Prozess der europäischen Integration wird in einem so hohen Maße von administrativer und ökonomischer Logik bestimmt, dass - nicht nur in den Augen weiter Teile der Bevölkerung - die politische Vision, für die die "europäische Idee" einmal stand, kaum noch erkennbar ist. Das war einmal anders; wäre es bei dem "Enthusiasmus der ersten Stunde" (9) geblieben, wesentlich getragen von entschiedenen Europa-Föderalisten, dann - so der Historiker Niess - hätte schon 1948/49 ein aus direkten Wahlen hervorgegangenes Europäisches Parlament die Weichen für eine politische Vereinigung der europäischen Nationalstaaten gestellt. Der Autor will mit seiner detailreichen und trotzdem sehr flüssig geschriebenen Studie an Aufbruch und Scheitern der "ursprünglichen Europäischen Bewegung" (10) erinnern. Als Etappen dieser Bewegung behandelt er zunächst knapp die - vor allem von Briand ausgehenden - Initiativen der 20er-Jahre und die maßgeblich von französischen und italienischen Widerstandsgruppen entworfenen Visionen einer gesamteuropäischen Nachkriegsordnung. Im Mittelpunkt steht indes die Darstellung der vielfältigen Strömungen der ersten Nachkriegsjahre, unter denen die 1946 gegründete "Union Europäischer Föderalisten" (UEF) herausragt. Höhe- und Wendepunkt dieser sehr disparaten Bewegungen bildet der Haager Europa Kongress (1948); hier unterlagen die föderalistischen Visionäre den eher "realpolitisch" eingestellten Unionisten (die sich u. a. um Churchill gruppierten) und zugleich konnten die wieder etablierten nationalstaatlichen Akteure entscheidenden Einfluss gewinnen. Im Rückblick erhält dieser Kongress den Status einer Initialzündung für die europäische Einigung, entstand doch im Anschluss mit dem Europarat "dessen erstes handgreifliches, institutionelles Resultat, freilich auch als unglücklicher Kompromiss zwischen dem supranationalen Ansatz der Föderalisten sowie der französischen und belgischen Regierung und der britischen Präferenz für bloße internationale Kooperation" (232 f.).
Inhaltsübersicht: I. Klassische Europa-Union; II. Völkerbund, "Paneuropa" und Briands Projekt; III. Die Resistance und die Idee eines Vereinigten Europa; IV. Die Renaissance der europäischen Idee; V. Die "Union Europäischer Föderalisten"; VI. Europäische Bewegungen in Westdeutschland; VII. Europa-Föderalisten im Zeichen der internationalen Politik; VIII. Churchills "United Europe Movement"; IX. Coudenhove-Kalergis "Europäische Parlamentarier-Union"; X. Pluralismus der europäischen Bewegungen; XI. Die Anfänge der europäischen Integration; XII. Der Haager Europa-Kongreß; XIII. Europäische Bewegung und Europarat.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.1 | 2.312 | 4.1 | 3.4
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Frank Niess: Die europäische Idee - aus dem Geist des Widerstands Frankfurt a. M.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12005-die-europaeische-idee---aus-dem-geist-des-widerstands_14325, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14325
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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